Die Frage nach Gott wachhalten

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Pfarrerin Eveyln Helle

Nächstes Jahr feiern wir das 500-Jahre- Reformationsjubiläum. Die Reformation ist untrennbar mit dem Namen Martin Luthers verbunden. Seine Aufforderung zur Disputation über die 95 Thesen, dem berühmten Anschlag an der Wittenberger Schlosskirche, markiert den Beginn einer Wende im Denken, Reden und Handeln in Kirche und Gesellschaft. Gutenbergs gerade erfundener Buchdruck tat ein Übriges, um Luthers Schriften in kurzer Zeit unters Volk zu bringen. Er wurde schnell berühmt, auch durch abgedruckte und rasch in ganz Europa verbreitete Abbildungen von ihm. Diese waren oft Mittel der Propaganda für oder gegen ihn und versuchten, je aus subjektiver Sicht, einen bestimmten Aspekt seiner Person besonders hervorzuheben.
Das Reformationsjubiläum ruft uns aber neben Martin Luther auch andere Personen in Erinnerung, die für diese kirchengeschichtliche Wende prägend waren: Philipp Melanchthon, den gelehrten Wegbegleiter Martin Luthers und Mitverfasser des Augsburger Bekenntnisses; Johannes Bugenhagen, den Freund und Vertrauten, der die Reformation im Norden Deutschlands, in Dänemark, Norwegen und Pommern vorantrieb; Johannes Brenz, den schwäbischen Reformator; Huldrych Zwingli und Johannes Calvin, die Reformatoren von Zürich und Genf. Und in anderer Hinsicht zu nennen ist hier auch Katharina von Bora, die Ehefrau Martin Luthers. All diese Personen prägten die Reformation in ganz besonderer Weise mit.
Doch nun zurück zu Martin Luther. Was fasziniert uns bis heute an diesem Mann? Ist es seine Bibelübersetzung, die unsere Sprache nachhaltig beeinflusst hat? Die deutsche Schriftsprache wäre ohne sie heute kaum vorstellbar. Ist es sein Mutterwitz, seine Sprachgewalt, dass er „dem Volk aufs Maul“ schaute, ist es sein inneres Ringen mit dem gefürchteten Richtergott seiner Zeit, oder dass er kein Blatt vor den Mund nahm, um seine Gegner anzugreifen? Was macht die Anziehungskraft dieses Mannes aus, der über lange Zeiträume vor allem auch das Studium und Studierende der Theologie nachhaltig geprägt hat?
Er hatte ja auch Fehler und Schwächen, man denke nur daran, was er über die aufständischen Bauern sagte, über die Juden oder über Frauen, die der „Hexerei“ verdächtigt wurden. Da zeigt sich seine dunkle Seite.
Was fasziniert dennoch an diesem Mann? Meine Antwort: Martin Luther kommt mir nahe, wenn ich mir sein Ringen mit Gott vor Augen führe. Bis ins tiefste Innerste hinein erschüttert und voller Angst lässt er dennoch nicht ab von diesem Ringen; er lässt sich nicht mit Formeln beruhigen und seine Regungen unterdrücken, sondern dringt durch die Angst und Not seiner Seele durch bis zum Grund und findet, was ihn erleichtert, löst, was ihm zutiefst inneren Frieden bringt: Er findet den gnädigen Gott.
Ich meine, diese persönliche Entdeckung Luthers wirkt bis in die heutige Zeit. Die religiöse Erziehung hat sich zunehmend diese Erkenntnis zu eigen gemacht. Heutzutage wird kaum noch ein Kind in der Angst vor einem strafenden Gott erzogen. Ich glaube, das hat viele weitere Befreiungen nach sich gezogen, zumindest in unserer westlichen Welt. Der religiöse Blickwinkel hat sich hier verändert. In unserem Kulturkreis machen wohl nicht mehr viele Menschen sich noch Gedanken darüber, wie sie einen gnädigen Gott bekommen. Viel häufiger höre ich die Frage: Gibt es Gott überhaupt? Oder auch: Was geht mich Gott an? Dieser veränderte Blickwinkel ist jedoch nach meiner Meinung auch eine Art von Freiheit, die Luther uns erst ermöglicht hat. Welche Frage wir uns auch immer stellen, die Reformation will in uns persönlich, aber auch in Kirche und Gesellschaft die Frage nach Gott und seinem Willen für unsere Welt wachhalten, im Kleinen wie im großen Zusammenhang

Evelyn Helle, Pfarrerin für Altenheimseelsorge in Nürtingen

Veranstaltungen zur Reformation im Kirchenbezirk Nürtingen

 

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