Gönn dir die Kehrwoche deines Herzens

Textstelle: Mt. 3,1-12 (Johannes der Täufer ruft zu Umkehr – Bereitet dem Herrn den Weg!)

Uns Schwaben wird ja nachgesagt, dass wir nicht nur die Kultur der Kehrwoche erfunden haben, sondern diese auch mit Hingabe pflegen. Das äußere Reinemachen ist in Häusern und Straßen vielerorts nicht mehr wegzudenken. Gerade wenn es auf große Feiertage wie Weihnachten zugeht, ist uns das „Rausputzen“ unserer Wohnräume ein besonderes Anliegen. Da kommen Millionen kleine Lichter zum Einsatz, Engelchen und anderer Schmuck. Schließlich soll sich die richtige Weihnachtsstimmung in uns ausbreiten. Überall blitzt und blinkt es.

Trotzdem erleben viele von uns diese Zeit alles andere als besinnlich. Auch wenn Straßen und Plätze, unsere Häuser und Wohnungen schon seit Wochen auf das große Fest hinweisen, einen Blick in den Termin- und Familienplaner verrät, wie gnadenlos verplant diese Zeit doch sein kann. In der Schule werden noch viele Klassenarbeiten geschrieben. Am Arbeitsplatz soll eine Vielzahl von Aufgaben noch unbedingt vor der Weihnachtspause erledigt werden und zu Hause wartet eine lange Liste mit Einkäufen und Erledigungen. Und dann kommen noch die vielen Weihnachtsfeiern hinzu, die uns zusätzlich kostbare Zeit und Kraft rauben. Viele von uns sehnen sich nach der viel gepriesenen Ruhe und Besinnung, die  von der Adventszeit ausgehen soll und finden diese doch nicht.

„Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen!“ Das ruft uns Johannes der Täufer im Sonntagsevangelium zu. Damit meint er nicht die weihnachtlich geschmückten und blinkenden Einkaufsstraßen, Vorgärten oder Wohnungen. Ihm geht es um unsere inneren Straßen, die zu unseren Herzen führen. „Bereitet dem Herrn den Weg“ bedeutet für mich, dass ich mir nach einem vollen Tag ganz bewusst ein paar Minuten der Stille gönne. Dass ich beginne, meine inneren Wege und Straßen anzuschauen. Dies tue ich beispielsweise gerne vor dem Schlafengehen. Ich ziehe mich zurück in eine ruhige Ecke, zünde eine Kerze an und horche in mich hinein. Ich schaue, was heute, in letzter Zeit oder überhaupt in meinem Leben gut läuft und wofür ich dankbar sein darf. Und ich versuche all das anzuschauen, was nicht so gut ist und was ich anders machen kann. Oft sind es kleine Schritte, die mir in den Sinn kommen; mitunter haben sie eine große Wirkung für meine Mitmenschen.

Am zweiten Adventssonntag, sozusagen der Halbzeit unserer Vorbereitungen auf das große Fest, kann uns die Aufforderung aus dem Evangelium dazu ermutigen, nicht nur die Kehrwoche unserer Häuser und Wohnungen in Angriff zu nehmen, sondern auch die Kehrwoche unserer inneren Herzenswege. Damit Freude und Liebe, die vom Weihnachtsfest ausgehen, eine Chance haben in uns Fuß zu fassen. Damit Weihnachten nicht nur ein Fest für unseren Leib, sondern vor allem ein Fest für unsere Herzen wird.

Deshalb: Gönn dir die Kehrwoche deines Herzens!

Bernd Reiser ist Pastoralassistent in den katholischen Kirchengemeinden Neckartenzlingen und Aichtal-Grötzingen.