Trösten wie ein Vater

© Hannes Gaiser

Pfarrer Hannes Gaiser

Tränen laufen über die Wangen, die Knie schmerzen vom Sturz. Der8-jährige Philipp schafft es bis zur Haustür der Eltern, klingelt heftig und kurze Zeit später öffnet sich die Tür, beide Eltern stehen da, sehen ihn, seine Tränen, seine Schmerzen und öffnen die Arme. Phillip hat nun die schwere Wahl – in wessen Arme? Von wem soll er sich trösten lassen?
Gut, vielleicht ist bei vielen eher die Mutter zu Hause (aber auch das ändert sich ja)  – und der Vater eben den ganzen Tag weg. Ihm wird dann allenfalls erzählt, was geschehen ist. Wie einen eine Mutter tröstet – so steht es dieses Jahr in der Jahreslosung – so tröstet Gott. Ich muss gestehen, ein wenig hat mich das gestört – als Mann und Vater. Nicht dass ich mir Gott nicht auch als Mutter und weiblich vorstellen könnte (wie auch als Arzt, Licht, Brot – so sagt die Bibel auch – und die Oberboihinger Konfirmanden haben schon ergänzt: als Trainer, als Navigationsgerät...). Aber tröstet nur die Mutter? Ist das keine Männersache, weil man sich eher nicht in die Arme nimmt, weil man vielleicht auch nicht gleich weiß, was zu sagen ist, wie man hilft – und umgeht das lieber?
Ich habe – Gott sei Dank – auch erfahren, wie es ist, vom Vater getröstet zu werden. Der mich in die Arme nahm. Und kann das jetzt ein wenig zurückgeben – wo er dement ist und mich kaum noch kennt. Da sein, berühren – manchmal braucht es keine Worte mehr, die ja nicht mehr durchdringen. Also auch trösten wie ein Sohn, eine Tochter!
Ich habe es hoffentlich auch weitergeben können an meinen Sohn – trotzdem, dass ich weiß, dass es hätte mehr sein können oder manchmal „besser“. Dass er gemerkt hat, Zeit zu nehmen und etwas anderes weniger wichtig sein lassen, tut gut. Sicher, wir haben nicht immer die passenden Worte parat, aber unsere Söhne (und Töchter!) brauchen vielleicht gerade auch das: Zu merken, dass wir uns in dem Moment nicht davonmachen, herausreden oder Banales von uns geben – und nicht perfekt sind.  Drum sind wir Menschen – und können getrost – getröstet uns selbst auch in die Arme nehmen lassen. Von Menschen, von Gott – selbst wenn der mir vielleicht auch manche Antwort schuldig bleibt.
Übrigens: Morgen ist nicht nur Sonntag, sondern auch Männersonntag – in Oberboihingen etwa laden Männer, die den Gottesdienst vorbereitet haben, herzlich ein – 9.30 Uhr; und zwar Männer und Frauen!

Hannes Gaiser, evang. Pfarrer, Oberboihingen 56 Jahre