Hetzt du noch? Oder wartest du schon?

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Alexandra Holzbauer

Wir Menschen warten ja im Laufe unseres Lebens recht oft: Auf bessere Zeiten, auf schöneres Wetter, auf die Prüfungsergebnisse, auf den Bus, auf das Paket, auf Genesung, im Café auf die Freundin, im Stau auf der B313 oder auf der A8, im Wartezimmer, im Restaurant auf das Essen, auf die Laborwerte, auf einen Anruf….
Dem Advent wird nachgesagt, dass er die Zeit des Wartens ist. Doch Hand aufs Herz: Haben Sie sich in diesen Tagen schon Zeit genommen, um zu warten? Also, so richtig und bewusst? Ich meine jetzt nicht das Warten, das uns meist von außen aufgedrückt wird und das in den meisten Fällen nur Ungeduld hervorruft. Beim adventlichen Warten denke ich an ein Warten, das ich extra wähle, warten um des Wartens willen.
Das kann so aussehen: Ich lasse am Abend Fernseher und Radio aus, zünde eine Kerze an und setze mich hin. Und dann warte ich. Ich warte, was passiert. Eines ist sicher: Es wird eine ganze Menge passieren. Wenn ich nur warten kann. Wenigstens fünf Minuten. Oder ich ziehe mich aus dem Trubel der Stadt zurück, suche eine Kirche oder eine Kapelle auf und warte, bis ich ganz still werde. Bei einem Spaziergang nehme ich mir kurz Zeit, bleibe stehen, lasse das, was ich sehe, höre und rieche, auf mich wirken und warte ab, was geschieht. Ich besuche einen Gottesdienst und warte, bis Worte und Melodien langsam in mein Herz einsickern. Statt mich über den verspäteten Zug zu ärgern, freue ich mich über die Gelegenheit, mir ein Psalmwort auf der Zunge zergehen zu lassen: „Ich hoffe auf den Herrn, es hofft meine Seele, ich warte voll Vertrauen auf sein Wort" (Ps 130,5).
Es gibt viele Möglichkeiten zu warten. Adventlich zu warten. Einen Versuch wäre es wert. Und wer nun feststellt, dass er in diesen Tagen noch nicht so recht zum Warten gekommen ist, braucht an diesem Vierten Adventswochenende nicht in Panik zu verfallen. Denn das Jahr 2016 macht uns ein ganz besonderes Geschenk: Selten ist die Spanne zwischen der Vierten Kerze am Adventskranz und dem Kind in der Krippe so groß wie heuer. Eine ganze Woche haben wir noch Zeit bis Weihnachten. Zeit zu warten. Geschenkte Zeit. Auf dass beim Singen von „Stille Nacht“ an Heilig Abend spürbar wird: Ja, das Warten hat sich gelohnt!

Alexandra Holzbauer,
Pastoralreferentin, Ökumenische Hochschulgemeinde Nürtingen