Stille Nacht - laute Nacht

© M. Walter

Pfarrer Michael Walter

Still wird sie gewiss nicht werden, diese Silvesternacht. War sie noch nie; muss sie auch nicht sein.
„Altjahresabend“ – so heißt die Silvesternacht in der Kirche. Eigentlich ist es ja gar kein kirchlicher Feiertag. Trotzdem ist es gut, diesen Abend mit einem Gottesdienst zu begehen.

Für mich ist es sogar einer meiner Lieblingsgottesdienste im Kirchenjahr: Die dunkle Nacht draußen, und drinnen in der dunklen Kirche der Lichterglanz des großen Christbaums.

Weihnachtslieder müssen nicht sein am Altjahresabend. Obwohl – es sind ja erst sechs heilige Nächte vergangen; sechs weitere kommen erst noch!

Weihnachtslieder – nicht unbedingt. Aber Anderes ist mir wichtig an diesem Abend, auf der Kippe der Zeiten. Das alte Jahr ist vergangen; und das neue Jahr hat noch nicht begonnen. Gefüllt bis an den Rand das eine; und das andere weiß noch gar nicht, was aus ihm werden wird.

Ich nehme sie auf, diese Bruchstücke: liturgische Scherben, ohne die der Altjahresabend für mich kein richtiger Altjahresabend wäre; versuche sie aneinander zu fügen.

Römer 8 gehört dazu – unbedingt: ... weder Tod noch Leben … weder Mächte noch Gewalten … weder Hohes noch Tiefes … weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges … uns scheiden kann von der Liebe Gottes …, als Psalm gebetet; oder als Schriftlesung gelesen; und alle sechs Jahre auch gepredigt.

Dietrich Bonhoeffer gehört dazu – unbedingt: … Von guten Mächten treu und still umgeben… Sein Weihnachten 1944, im Gestapo-Keller in Berlin; das unweigerliche Todesurteil vor Augen. Es sei denn, die Rote Armee wäre schneller in Berlin, als dass die Nazis das Todesurteil noch vollstrecken könnten.

Jochen Klepper – den auf jeden Fall auch: … der du die Zeit in Händen hast, Herr, nimm auch dieses Jahres Last und wandle sie in Segen … „und wandle…!“  ganz unbedingt also auch das Abendmahl!: Frohes dankbar erinnern, Belastendes beherzt aus den Händen geben – und alles zurück legen in Gottes Hände. Denn dort, gut aufgehoben, kann sich alles zum Guten wandeln, was mir Sorgen gemacht hat, womit ich nicht fertig geworden bin, womit ich mich – und andere? – gequält habe.

Die alles verändern könnende Wandlungskraft Gottes: mitten in meinem Leben, jetzt, hier! Nur ein Stückchen Brot, nur ein Schlückchen Wein oder Traubensaft – und doch weit mehr als bloß Brot und Wein. Ich mag das nicht missen; nicht an diesem Abend des alten Jahres und vor dem ersten Sonnenstrahl über dem Neujahrsmorgen.

Auch der übrigens: eigentlich kein kirchlicher Feiertag. Aber gut, ihn mit einem Gottesdienst zu begehen.
Draußen, im Dunkeln vor der Kirche krachen und leuchten schon die Feuerwerkskörper der Ungeduldigen. Aber sie können meine Ruhe hier drinnen nicht stören; nicht diesen heiligen Moment voller Ruhe und Gelassenheit, auf der Kippe der ach so unruhigen Zeiten.

Gut, dass es diese Momente gibt – schlimm, wenn sie uns fehlen würden.
… Ausgang und Eingang, Anfang und Ende, liegen bei dir Herr: füll du uns die Hände…

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern ein gesegnetes Neues Jahr!

Michael Walter, Pfarrer in Altenriet.