Die Letzten werden die Ersten sein – die Ersten werden die Letzten sein

Pastoralreferent Andreas Reich

Ein sehr bekannter Satz und doch immer wieder anstößig. Oder vielleicht heute gar nicht mehr so sehr? Morgens der Erste im Büro und abends der Letzte der das Licht ausmacht. Für viele Menschen Arbeitsalltag. Die letzte Mannschaft in der Tabelle, aber das erste Spiel das in der Sportschau gezeigt wird. Doch Jesus bricht die ökonomischen und gesellschaftlichen Erwartungen mit dem oben genannten Spruch bewusst auf. Im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg murren diese über die „scheinbare“ Ungerechtigkeit, dass alle gleich viel Lohn erhalten, obwohl sie unterschiedlich lange gearbeitet haben. „Die Letzten werden die Ersten sein“ ist bei Jesus aber kein Tauschprozess, bei dem die einen verlieren und die anderen gewinnen. Nein. Die Hierarchien werden ganz aufgebrochen zu Gunsten einer Gleichberechtigung die den Menschen an sich im Blick hat. Auf diese Weise wird unser Gerechtigkeitsempfinden besonders herausgefordert.

Die Adventszeit dieses Jahr liegt so ungewohnt und scheint so kurz gefasst. Der „letzte“ Advent ist auch der erste Tag, der die Geburt Jesu in den Blick rückt. Jesus Christus, ein kleines Kind in der Krippe, das uns eben jene Gerechtigkeit und jene Güte Gottes verkünden wird. Der Advent ist in seiner Kürze kein Countdown, der uns vor Augen führt wie wenig Zeit uns noch bis Weihnachten bleibt. Gott sei Dank zählen wir nicht rückwärts von 4 auf 1 runter, sondern gehen bewusst voran. Die Adventszeit will eine Vorbereitungszeit auf Weihnachten sein, auf die Ankunft des Herrn. Auch im Besorgungsstress, Familienplanungen oder Arbeitsfülle steckt die Chance nicht mehr in den Kategorien von Erster und Letzter zu denken. Die Chance nicht zu murren wenn wir die Letzten in der Schlange vom Glühweinstand sind. Die Chance jeden Tag der Adventszeit als einen Tag für mich als Menschen zu leben und ihn nicht als Maßstab für den Stand der Erledigungen zu betrachten.

Der Sonntag des ersten Advents soll dabei nämlich nicht der letzte Tag einer „weihnachtsfreien Zeit“ sein, sondern ein Sonntag von vieren die uns Weihnachten näher bringen und den Menschen an sich in den Blick nehmen.

Andreas Reich (Pastoralreferent kath. Kirchengemeinde St. Johannes)