Geistliches Wort zum 2. Advent

Ich mag den Advent. Alle Jahre wieder freue ich mich, wenn es soweit ist. Die besonderen Lieder und Klänge. Der Duft von Lebkuchen und Marzipanstollen. Die kurzen Tage und die langen Nächte und die leuchtenden Kerzen.
Ich stehe an der offenen Balkontür, eine Tasse heißen Kaffee in der Hand. Es ist so dunkel, wie es eben in einer Stadt dunkel sein kann. Klirrend kalt, ein paar Schneeflocken, kein Stern zu sehen. Früher Morgen, alles noch voll Stille. Ich muss noch nichts tun, niemand ist da, der etwas von mir erwartet. Selbst die Frage, ob die Zeit des Tages reichen wird für die Aufgaben des Tages – sie spielt jetzt keine Rolle. So beginnt für mich die Adventszeit.
Advent bedeutet Ankunft. Advent ist Zeit der Vorbereitung auf das Weih-nachtsfest, der Vorbereitung auf die Ankunft Gottes bei uns Menschen. Und in der Tat treffen wir eine Menge Vorbereitungen für das Weihnachtsfest in diesen Tagen. Wir besorgen Geschenke, um den Menschen eine Freude zu machen, die uns am Herzen liegen. Wir klären, wer wo mit wem feiert und wie wir die komplexe Weihnachts-logistik irgendwie in den Griff be-kommen. Das alles ist mir auch wich-tig. Ich überschlage kurz und denke, dass ich bei knapp 50% Erfüllungsgrad liege. Nicht so übel für den 1. Advent.
Aber eine andere Frage bohrt sich in meine Gedanken: Wie bereite ich mich vor auf das Weihnachtsfest? Neben allem, was mit Recht zu tun ist, wo geht es um mich? Wie werde ich an-kommen in der Weihnachtszeit? Ein-fach so oder mit besonderen oder sper-rigen adventlichen Gedanken darüber, was ich noch erwarte vom Leben, von der Zukunft, von Gott? Ich atme die kalte Luft und denke, dass es sich loh-nen könnte, diese und andere Fragen wieder einmal zu stellen. In aller Ruhe und ohne Druck in den Tagen der Vorbereitung auf das Christfest. Sie tun mir gut, diese Minuten am Morgen, die nichts von mir erwarten und keinen Anspruch an mich haben.
Die Lichter des ersten Zuges tauchen in der Ferne auf. Ich sehe sie lange bevor ich ihn höre. Irgendwo warten Menschen auf diesen Zug. Er wird sie zur Arbeit bringen oder zur Schule. Das Warten, das zuversichtliche Er-warten, gehört auch zum Advent. Trotz Zug fällt mir Reinhard Mey ein: Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein.
Die Kirchenuhr schlägt. Die Stadt erwacht. Der Kaffe ist kalt. Ich mag die Adventszeit, alle Jahre wieder. Mit ihren Fragen, mit ihrem Klang und ihrem Duft, mit ihrer unerschütterlichen Zuversicht: Gott kommt an.

Pfr. Frank Wößner, Samariterstiftung