Geht es Ihnen auch so?

Man schaut auf den Kalender und kann kaum fassen, dass in einer Woche Weihnachten ist. Die besinnliche Adventszeit hat doch erst begonnen. Doch hat sie bei uns wirklich schon begonnen?
Wenn ich an Advent denke, kommt die Sehnsucht auf nach besinnlichen Stunden, geselligen Runden mit Freunden, Kerzenschein und Lieder singen. Und dann ist da meine Wirklichkeit: Der übervolle Terminkalender, meine Kinder müssen sich noch auf massig Klassenarbeiten vorbereiten, Schicksalsschläge die mich überhaupt nicht weihnachtlich stimmen und das Leid, das ich im Krankenhaus mitbekomme.
Ach ja, und dann natürlich noch die To-do-Liste, die abgearbeitet werden muss. Der Endspurt auf Weihnachten geht in die Zielgrade. So manches Mal habe ich das Gefühl, dass ich meine Sachen kaum noch geschafft bekomme: Stress pur.
Dabei hatte ich den guten Vorsatz, die Dinge zu ändern, die ich anderes machen kann. Beruflich bereite ich schon im Herbst die Weihnachtsfeiern vor und schreibe die Impulse.
Privat kaufe ich die Geschenke rechtzeitig ein. Im Oktober bastle ich bereits den Adventskalender. Im November backe ich die Plätzchen und im Dezember habe ich Zeit und Muse für die Adventsstimmung.
Und dann, in der Adventszeit, eine Woche vor Weihnachten, ist es wieder so weit: Ich finde mich mit all den Anderen von einem Termin zum anderen jagend und im Trubel der Läden wieder. Beim Einkaufen der Zutaten für die Weihnachtsbäckerei und der Geschenke für die Lieben.
Und plötzlich fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Ich habe etwas vergessen. Mir fehlt etwas Entscheidendes! Was? Meine Advents- und Weihnachtsstimmung!
Wenn man merkt, dass etwas fehlt, so sagt man, ist es der erste Schritt in die richtige Richtung. Also nehme ich mir Zeit zum Inne halten und Nachzudenken.
Wenn ich wirklich die Advents- und Weihnachtszeit besinnlich und friedlich erleben möchte, muss ich meine eigenen Vorstellungen und Ansprüche überdenken.
Müssen wirklich alle Dinge vor Weihnachten erledigt sein?
Muss die Wohnung auf Hochglanz geputzt sein, wenn die Verwandtschaft zu Besuch kommt?
Muss ich wirklich meine knappe Zeit in den Einkaufsläden verbringen, um noch die passenden Geschenke für meine Lieben zu kaufen?
Als ich über meine Sehnsucht nachsinne, kommt mir eine Geschichte in die Hände, die ich gerne mit Ihnen teilen möchte: Die kleine Tanja überreichte ihrer Oma eine golden verpackte Schachtel. Es war Weihnachten und sie hatte dafür das gesamte wertvolle Geschenkpapier aufgebraucht. Als die Oma das Geschenk öffnete, war die Schachtel leer. Tanja schaute ihre Oma mit einem Lächeln an und sagte: „Das gehört alles dir Oma. Weil ich dich so lieb habe. Die ganze Schachtel. Alle Küsschen nur für dich …“.
Da habe ich wieder  erkannt, dass das Wesentliche nicht nur das Sichtbare ist. Dass die Advents- und Weihnachtsstimmung nichts mit Geschenken und To-Do-Listen zu tun hat.
Mir ist wieder bewusst geworden, dass ich schon mitten in dem bin, was ich vergessen glaubte: In der Adventsstimmung. Denn mich hat eine Sehnsucht ergriffen, die Sehnsucht auf Weihnachten hin.
Ich wünsche Ihnen und mir, dass wir uns in der letzten Adventswoche bewusst auf den Weg machen, um in unserer Sehnsucht von Gott gefunden zu werden und ihn an Weihnachten zu finden.

Ustja-Elisabeth Clauß
Katholische Klinikseelsorgerin