Geistliches Wort zum Bibelsonntag, 30. Januar 2017

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Pfarrer Ralf Alexander Sedlak

Wenn sich mehr als 60 Stimmen auf verschiedene Art und in unterschiedlicher Ausführlichkeit äußern, dann ist anzunehmen, dass mindestens 60 verschiedene Geschichten in ganz eigenen Weisen erzählt werden. Umso mehr, wenn diese Stimmen über Jahrhunderte verteilt an verschiedenen Orten und in mehreren Sprachen erklingen. Es wäre erstaunlich, wenn man sie sogleich auf einen Nenner bringen könnte. Zwischen den beiden Buchdeckeln einer Bibel steckt dieses Wagnis, eine ganze Bibliothek von Schriften zu einem Buch zusammenzubinden. Über Jahrhunderte hinweg sind sie entstanden, wurden erst in hebräischer, dann aramäischer und schließlich griechischer Sprache aufgeschrieben. Darunter sind Geschichten von der Entstehung der Welt und des Volkes Israel, Gebete, Dank- und Klagelieder, Gesellschaftskritik, aber auch kritische Fragen an Gott und kühne Visionen, wie das Leben sein könnte, vielleicht auch sein sollte. Zu all dem, was Juden und Christen miteinander teilen, treten in der christlichen Bibel die Lebensgeschichte von Jesus Christus, seine Worte und die Zeugnisse der frühen Kirche hinzu. Das klingt nicht nur nach Vielstimmigkeit, das ist tatsächlich Vielstimmigkeit. Dennoch ist die Bibel zu einer grundlegenden Urkunde des christlichen Glaubens geworden. Nicht erst im 21. Jahrhundert haben viele Menschen in einer immer komplizierter erscheinenden Welt nach einfachen Antworten auf die Fragen ihres Lebens gesucht. Erstaunlicherweise haben sich Christen in der Geschichte und in der Gegenwart bei diesen Fragen immer wieder an die Bibel gewandt und gehalten – und dies nicht trotz, sondern wegen deren Vielfalt: Die vielen biblischen Stimmen bringen die Vielfalt des menschlichen Lebens selbst zur Sprache. Wer heute klagt, kann morgen lachen. Und vielleicht muss die eine Geschichte einmal so und einmal anders erzählt werden, dass sie verstanden wird. Auch wenn manches in der biblischen Überlieferung wie eine Kunde aus fernen Zeiten klingen mag, so sind andere Worte darin von großer Aktualität. Somit wird die Bibel selbst ein Gleichnis dafür, in der Vielfalt unserer Welt Gott am Werk zu sehen. Auf ganz unterschiedliche Weise spricht er verschiedene Menschen an – weil Menschen unterschiedlich sind und deshalb ihre je eigene Ansprache brauchen. Darum heißt es programmatisch im Hebräerbrief: „Gott hat vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise geredet.“ Der Bibelsonntag 2017 ist daher auch eine Einladung, die Bibel aufzuschlagen und zu entdecken, was einen darin anspricht.

Pfarrer Ralf Alexander Sedlak
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