Haaatschi! Gesundheit!

Bunt und schier unübersehbar groß ist das Heer neapolitanischer Krippenfiguren. Aus der Bibel kommen als geheime, leuchtende Mitte die Heilige Familie, Josef, Maria und das Jesuskind, das Wunder neuen Lebens; die Engel und Hirten (alle aus Lukas 2) sowie die Weisen aus dem Morgenland (aus Matthäus 2), durch schriftgelehrte Deutung von Jesaja 60,3 und Psalm 72,10 zu Königen geworden, die dem menschgewordenen Gott ihre Gaben bringen. Aus Jesaja 1,3 stammen vermittelt über das Pseudo-Matthäusevangelium Ochs und Esel, ersterer als reines Tier die Juden, letzterer als unreines die Heidenvölker repräsentierend.
Und dann Menschen jeden Alters, Geschlechts, Berufs, Standes und Gesundheit: Der Jäger mit Flinte, der Priester mit Brevier, der Pizzabäcker, die Wirtin, der Metzger, der Schmied, die Spinnerin, der schlafende Hirte und der betrunkene, der Hirtenjunge und der staunende Hirte des Wunders, die sardischen Dudelsackbläser, die Bettler, die Buckligen, Triefäugigen, vom Leben Gezeichneten, die Armen in Lumpen und die Reichen in Brokat und die Hebamme Salome, die Zweiflerin. Alle haben sie ihren Platz an der Krippe.
Und: „la pastora Stefania“, die Krippenfigur Stefania. Sie sei, so weiß die Legende, mit ihrer unerfüllten Sehnsucht und ihrem großen Schmerz zur Krippe gekommen. So sehr habe sie sich ein eigenes Kind gewünscht und so lange vergeblich, dass sie das fremde Mutterglück nicht mehr ertragend schließlich einen Stein in Windeln gewickelt und als Ersatzneugeborenes stets auf dem Arm getragen habe. Und wie sie zu Jesus gekommen sei, habe unversehens – „Haaatschi!“ – der Stein zu niesen begonnen und sei durch ein Wunder in ein lebendiges Kind verwandelt worden.
In der Tiefenpsychologie C. G. Jungs ist der Stein ein Symbol der Ganzheit, die alles enthält, auch den Gegensatz zu sich selber. Er steht für das Selbst, den innersten Personkern eines Menschen mit seinen Möglichkeiten und Widersprüchen. Wie Stefania mit ihrem Selbst an die Krippe tritt, wird – Haaatschi! Gesundheit! – was verkrampft, kalt, hart und tot war, beweglich, warm, atmend und lebendig.
In der neapolitanischen Krippe steht Stefania immer direkt vor der Geburtsgrotte, ganz nah bei Jesus. „Eins aber hoff ich, wirst du mir, mein Heiland, nicht versagen, dass ich dich möge für und für in, bei und an mir tragen.“ (Paul Gerhardt).

Ein gesegnetes Christfest und Gesundung an Leib und Seele wünscht Ihnen
Ihr Pfarrer Markus Lautenschlager