Seht das Kreuz!

© Marcel Holzbauer

Pastoralreferent Marcel Holzbauer

Morgen ist Karfreitag. In den Gottesdiensten wird gesungen werden: „Seht das Kreuz, an dem der Herr gehangen.“
Als Symbol taucht das Kreuz in vielen Kulturkreisen auf, auch schon in vorchristlichen Zeiten. In ihm treffen sich Waagrechte und Senkrechte, und so weist es hin auf die Beziehung von oben und unten, Himmel und Erde, von links und rechts. Es bringt Entgegengesetztes zusammen, ist deshalb auch Sinnbild der Verbindung von Extremen. Die Kreuzbalken stehen für die vier Himmelsrichtungen und die vier Elemente Wasser, Feuer, Luft und Erde. So ist das Kreuz auch ein Symbol für das Leben inklusive aller Gegensätze und Spannungen, für die Ganzheit, den Kosmos.
Für Christen hat es durch die Hinrichtung Jesu eine eigene Bedeutung bekommen. Das Kreuz ist Folter- und Todeswerkzeug, an ihm kam Jesus qualvoll ums Leben. Gekreuzigt zu werden galt in der Antike als extrem entehrend. Man strafte damit vor allem Mörder, Verräter und Rebellen.
Es dauert deshalb lange, bis der Marterpfahl des Kreuzes für die Christen zu einem positiv besetzten Zeichen wird. Für die ersten nachchristlichen Jahrhunderte lässt sich das Kreuz nur vereinzelt in Verbindung mit christlichen Denkmälern belegen. Erst etwa ab dem 4. Jahrhundert findet man es häufiger, meist auf Sarkophagen. Hier ist es also zu einem Symbol für die Nähe zu Christus im Tod und für die Hoffnung auf Auferstehung geworden.
In den folgenden Jahrhunderten bis in die Gegenwart werden das Kreuz und der Gekreuzigte auf unzählige verschiedene Arten dargestellt. Dabei stehen entweder Schmerz und Leiden im Vordergrund, oder die Todesqual ist schon überstanden, das Kruzifix strahlt Ruhe aus, es zeigt den Auferstandenen würdevoll, fast schon triumphierend.
Damit knüpft das christliche Kreuz an die Symbolik aus anderen Kulturen und anderen Zeiten an: Kreuz als Zeichen von Ganzheit und Einheit, von Leben in all seinen Extremen. Aber es versinnbildlicht eben auch einen ganz anderen Aspekt. Zu ihm gehört Tod, Gewalt, Leiden, Einsamkeit, Finsternis. Es steht auch für äußerste Gottverlassenheit und bodenlose Verzweiflung.
Das christliche Kreuz ist nicht Symbol einer sorgenfreien Welt in perfekter Harmonie. Aber es steht für eine Hoffnung auf Leben, die den Tod nicht ausblendet, das Leid nicht leugnet, sinnlose Gewalt nicht beschönigt.
Das ist das Eigene des christlichen Kreuzes, dass es die extreme Spannung aufnimmt. Tod und Leben, Tod im Leben, Leben im Tod.
Gott ist mit uns in dieser Spannung. Darauf zu vertrauen, fordern uns die kommenden Tage auf. Im Bild des Kreuzes und des Gekreuzigten finden wir beides: Dass wir teilhaben am Leben und dass wir sterben müssen. Das christliche Kreuz gibt Raum für die ganze Breite menschlicher Erfahrung. Es hat Platz für Tod und Leben.
„Seht das Kreuz, an dem der Herr gehangen, das Heil der Welt!“

Marcel Holzbauer
Pastoralreferent
Katholische Kirchengemeinde Nürtingen