Geistliche Wort zum Deutschen Ev. Kirchentag

Du siehst mich!

© Dr. Markus Geiger

Dr. Markus Geiger, Geschäftsführer Ev. Bildungswerk im Landkreis Esslingen

Es ist ganz schön mutig, den Kirchentag in Berlin und Wittenberg vom 24. bis 28. Mai unter das Motto „Du siehst mich“ zu stellen. Wer schaut denn in Berlin sich gegenseitig an? Wer sieht in Nürtingen einander an? Ich sehe in mein Smartphone. Das Smartphone wird für ein Selfie benötigt. Das bedeutet: „Ich bin wichtig“ oder vielleicht doch auch „Sieh mich an!“
„Schau her, Papa, sieh mich an,“ höre ich meine Söhne rufen, wenn ich sehen soll, was sie gerade vorführen.
Um „Sehen und Gesehen werden“ geht es bei unterschiedlichen Anlässen. Ist das nicht oberflächlich?
In der Losung des Kirchentags aus 1. Mose 16, 13 steht mit dem „Du“ – anders als bei Selfies – eine sehende Person im Mittelpunkt, die noch nicht näher gekennzeichnet ist.
„Du siehst mich“. Du, Gott, siehst mich Mensch. Dies ist im 1. Buch Mose die Erkenntnis von Hagar, einer jungen Frau auf der Flucht. Ihr ist Unrecht geschehen. Gott sieht sie. Er sieht ihre Situation und gibt Rat. Hagar fühlt sich wahrgenommen und beachtet. Daraus schöpft sie Kraft.
Angesehen sein, wahrgenommen werden. Diese Sehnsucht ist groß. Dafür schicken wir permanent Bilder von uns selbst in die Welt, per Selfie, Facebook und Whatsapp. Doch wirklich gemeint sein – das geht tiefer.
Wenn wir uns von Angesicht zu Angesicht ansehen, treten wir in Beziehung untereinander. Dann beginnt Kommunikation und dann entstehen Fragen:
Wie sehen wir den anderen? Wie sieht der andere uns? Wie können wir Benachteiligte und Ausgegrenzte wahrnehmen, ihre Nöte sehen und den Menschen begegnen?
Wie können wir, die wir zum Teil unbewusst an der Schaffung ungerechter Verhältnisse beteiligt sind, uns selbst sehen und zu Verbesserungen beitragen?
Welche Hoffnung können wir aus dem Wissen, von Gott  gesehen zu werden, für uns ableiten? Und welche Folgen hat das für uns? Wie können unter dieser Gewissheit soziale, ethische, ökologische und politische Fragen angegangen und gelöst werden
Hierauf Antworten zu finden, bleibt unsere Aufgabe – auf dem Kirchentag und an allen anderen Orten.
Gott sieht in der Weise hin, wie Menschen tatsächlich hinsehen sollten, wenn sie nur richtig hinschauen – nicht vernichtend und verdinglichend, sondern Ausblick gebend, aufrichtend, bergend, damit die Gesehenen sich neu ins Licht gestellt erfahren.
Wenn der Kleine Prinz sagt: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“  dann betont er die große Bedeutung des Inneren, der Seele des Menschen, aber die Gewissheit, von Gott gesehen, geachtet und mit Würde beschenkt zu werden, ist die Grundlage das Innere.  Das Kirchentaglied fasst diese Aussagen wunderbar zusammen: „Du bist ein Gott, der mich anschaut. Du bist die Liebe, die Würde gibt. Du bist ein Gott, der mich achtet. Du bist die Mutter, die liebt.“

Dr. Markus Geiger
Geschäftsführer Ev Bildungswerk im Landkreis Esslingen