Geschickter Feiertag

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Alexandra Holzbauer

„Pfingsten ist eigentlich ein ganz geschickter Feiertag!“ Bei dieser Bemerkung einer jungen Mutter musste ich stutzen. Ein Feiertag kann geschickt liegen, ja. Aber inwiefern kann er es denn auch sein? Schnell wurde ich aufgeklärt: „An Pfingsten muss ich keinen Baum besorgen und ihn schmücken, ich muss mir keine tollen Geschenke ausdenken und keine Eier bemalen. Wir dürfen als Familie einfach zwei freie Tage genießen. Und Ferien gibt es auch noch!“ Stimmt, dachte ich. Wir bereiten uns auf Pfingsten gar nicht so intensiv vor. Auch kommerziell ist aus diesem kirchlichen Fest nicht viel rauszuholen. Irgendwie ist das Pfingstfest aber auch schwer zu fassen. An Weihnachten haben wir die Krippe, an Karfreitag das Kreuz und an Ostern das leere Grab. Aber an Pfingsten? „Geburtstag der Kirche? Ausgießung des Heiligen Geistes? Damit kann ich nichts anfangen!“ denken sich viele Zeitgenossen.
Pfingsten hat sich eher zum „Raus-aus-den-vier-Wänden“-Fest entwickelt. Staus auf den Straßen, volle Bahnhöfe und Flughäfen. In die Berge, ans Meer oder in die Städte zieht es viele von uns in diesen Tagen. Pfingsten bringt Menschen in Bewegung. Und das klingt gar nicht mal so unGEISTlich. Denn wer sich bewegt, bringt Leib und Seele in Schwung. Wer die eigenen vier Wände verlässt, kann Neues entdecken, in der Nähe und Ferne. Neue Landschaften, andere Kulturen, fremde Menschen, Interessantes und Berührendes. Das Pfingstfest erinnert uns: Bewegung tut Not. In vielerlei Hinsicht. Unsere Meinungen über Mitmenschen und Sachverhalte sind oft festgeschrieben: „Das war schon immer so...Bei dieser Familie war doch nix Anderes zu erwarten...Ich kenne das Ende vom Lied schon jetzt...“ Redewendungen spiegeln es wieder. Festzementiert erscheint da alles. Wer rechnet da noch mit Veränderungen?
Beim ersten Pfingstfest erlebten sehr verschiedene Menschen aus vielen Ländern der Erde Bewegendes und Überraschendes. Die Bibel erzählt, dass der Heilige Geist, jene belebende Kraft Gottes, über sie kam und alles zwischen ihnen veränderte. Leute, die sich fremd waren, konnten sich verstehen. Aus dem Norden und Süden, Osten und Westen waren sie versammelt und hatten sich plötzlich etwas zu sagen. Geradezu nebenbei wurden alte, vorgefasste Meinungen und Vorurteile abgebaut. Wo es vorher nur Schweigen oder Unverständnis gab, bewegte man sich aufeinander zu. Ein großes Fest sollte dieses erste Pfingsten werden. Körperlich und vor allem geistig kam Bewegung in die Festbesucher. Eine Gemeinschaft entstand. Ich stelle mir vor, dass es nach der ersten Verwunderung über solch kuriose Vorkommnisse ein richtig nettes Fest wurde. Man kam miteinander ins Gespräch, teilte Speis und Trank miteinander, Freundschaften wurden geschlossen oder gegenseitige Hilfe wurde angeboten. Wie der Heilige Geist aussieht, wussten diese Menschen am Ende des Tages vermutlich nicht und sie hätten auch keine theologische Vorlesung darüber  halten können.  Doch sie hatten erlebt, wie Gottes Geist wirkt. Körperlich und geistig waren sie bewegt worden. Pfingsten und den Heiligen Geist fanden sie ganz „geschickt“ – vom Himmel geschickt.

Alexandra Holzbauer
Katholische Hochschulseelsorgerin
Ökumenische Hochschulgemeinde Nürtingen