Geistliches Wort zum Weltgebetstag der Frauen

Allein oder mit andern

© Weltgebetstag der Frauen - Deutsches Komitee e. V.

A Glimpse of the Philippine Situation - Rowena "Apol" Laxamana-Sta.Rosa/Philippinen

Manches - wie beispielsweise das Lesen - ist allein schöner. Abends Essengehen mag ich jedoch nur mit anderen. Beim Spazierengehen ist beides in Ordnung, da hängt es von meiner Stimmung ab. Zu den Dingen, die sowohl allein als auch mit anderen möglich und gut sind, gehört für mich das Beten.
Beim persönlichen Beten denke ich mich mit meiner Welt, mit meinem Dank und meiner Sorge, mit meiner Freude und meiner Klage hin zu Gott. Wenn ich für Gottesdienste ein Gebet formuliere, habe ich die Menschen, den Ort des Gottesdienstes und das Evangelium im Sinn. Wenn ich mit anderen das Vaterunser oder einen Psalm bete, dann schwinge ich mich ein in die vorgegebenen Worte und lasse mich von der Kraft der seit Jahrtausenden Betenden tragen.
Eine besondere, ja einzigartige Form des Betens gibt es beim WELTGEBETSTAG, der von Frauen unterschiedlicher Konfessionen vorbereitet und immer am 1. Freitag im März gefeiert wird. Seine Wurzeln liegen im Jahr 1887 in Nordamerika, seit 1927 wird er weltweit gefeiert, seit 1968 existiert das Internationale Weltgebetstags-Komitee. Welches Land die Liturgie verantwortet, wie die Anliegen, Texte, teilweise auch Lieder des Ursprungslands in die einzelnen Länder kommen und welche sozialen Projekte weltweit durch die Kollekte unterstützt werden, wird hier geklärt. Denn nicht nur das Gebet, sondern auch die Tat soll ein Zeichen der Solidarität sein, die konkret Not lindert – so das Anliegen des Weltgebetstages.
Es gibt ein Heft mit der kompletten Liturgie, bei der einiges gestaltet werden kann, vieles jedoch einfach „mitgebetet“ wird. Zuerst ist es irritierend zu lesen: „Ich arbeite als Tagelöhnerin in einer Zuckerrohrplantage“. Doch hier kommt das solidarische Moment zum Tragen: Ich fühle mich ein in Menschen, die das erleben. 2017 sind dies Frauen von den Philippinen. Ich mache mir ihr Anliegen zu Eigen. Sie haben den biblischen Text und so auch das große Thema gewählt: „Was ist denn fair?“ Bei uns gilt als gerecht, wenn alle bei gleicher Leistung das Gleiche bekommen. Doch die philippinischen Frauen fordern uns auf, den Begriff der Fairness in unserer Vorstellung von Gerechtigkeit aufzunehmen. So bekommen die biblischen Arbeiter im Weinstock alle den einen Denar, den sie am Tag zum Leben brauchen, egal wie lange sie gearbeitet haben. Das bringt auch mich ins Nachdenken: Wie kann mein Einkaufsverhalten fair werden? Was braucht es, um über andere fair zu denken? An welchen Maßstäben orientiere ich mich in Sachen Gerechtigkeit? Womit vergleiche ich?
Mit anderen beten ist nicht nur ein Sich-Tragen-lassen von anderen. Mit anderen beten, weltweit beten wie beim Weltgebetstag, bedeutet auch: ich ändere meinen Blick auf die Welt, ich verändere mich.
Übrigens: Früher hieß es „Weltgebetstag der Frauen“. Heute heißt es „Weltgebetstag“. Meine Herren, auch Sie sind herzlich eingeladen solidarisch zu beten, zu leben – und sich zu verändern. Und egal welchen Geschlechts Sie sind: Haben Sie am Freitagabend schon etwas vor? Auch in Ihrer Stadt gibt es den Weltgebetstag – gehen Sie doch mal hin!

Susanne Hepp-Kottmann
Pastoralreferentin in der Seelsorgeeinheit Guter Hirte – Kolumban, Wendlingen