„Guck-in-die-Luft“

© Ch. Walter-Bettinger

Pfarrerin Christine Walter-Bettinger

Kürzlich kam unsere Tochter von einem Besuch bei den Großeltern zurück und berichtete aufgeregt: „Bei Oma gibt es ein voll gruseliges Buch. Da wird einem Kind der Daumen abgeschnitten und ein anderes stirbt, weil es seine Suppe nicht isst.“ Mir war sofort klar, welches alte Buch sie da ausgegraben hatte. „Der Struwwelpeter“ von Dr. Heinrich Hoffmann, 1844 geschrieben und bis heute vielfältig adaptiert. Das Buch wieder einmal zur Hand nehmend, entdecke ich darin die weniger drastische, sondern eher lustige Geschichten von Hans, über den gesagt wird: „Wenn der Hans zur Schule ging, stets sein Blick am Himmel hing.“ Und obwohl Hans Guck-in-die-Luft auf Erden deshalb manches übersieht – einen Hund über den Haufen rennt und letztlich ins Wasser plumpst - halte ich dies doch für eine gute innere Haltung, um durchs Leben zu gehen. Denn wer den Blick zum Himmel hebt, der erfährt Weite, der erahnt, dass das Klein-Klein dessen, was da vor den Füßen liegt, nicht alles ist. „Vor die eignen Füße dicht, ja da sah der Bursche nicht“, tadelt Dr.Hoffmann seinen Hans, der es doch vielleicht genau richtig macht und nicht nur auf das starrt, was das Nahliegende ist, nicht nur für wahr und möglich hält, was vor Augen und sichtbar ist. „Herr, wenn ich seh die Himmel, deiner Hände Werk…“ staunt der Beter des 8.Psalms, ein „Guck-in-die- Luft“ im großen Geschichtenbuch Bibel. Er wählt dieselbe Blickrichtung gen Himmel. Denn ein solcher Blickwechsel tröstet, richtet auf und lässt das Herz weit werden. Den Blick gen Himmel richten auch die Jünger am Tag der Himmelfahrt Christi und sie werden dadurch gewahr, dass Gottes Weite und Größe unser Sehen und Begreifen übersteigt. Aber sie erahnen auch, dass Himmel und Erde miteinander verbunden sind und Gott uns Anteil gibt an seiner Weite. Wer den Blick gen Himmel hebt zu Gott, der wird erleben, dass sich Horizonte öffnen und Gewichtungen verschieben. Da bekommt „was vor eigenen Füßen dicht“ zwar seinen Platz und auch seine notwendige Aufmerksamkeit, aber es wird nicht zum Letztgültigen und Letztmöglichen. Da gewinne ich eine heilsame Distanz zu den Dingen, zu eigenem Sein und Vermögen. Das schafft Freiheit und wir können so vielleicht ein wenig leichter und beschwingter gehen - wie Hans - allerdings mit der Gewissheit, dass wir am Ende damit nicht baden gehen, sondern in Gottes Händen aufgefangen sind.

Pfarrerin Christine Walter-Bettinger, Aich-Neuenhaus II