Grundformen des württembergischen Gottesdienstes

Warum feiern wir in Württemberg den Gottesdienst so, wie wir es tun?

Der sonntägliche Predigtgottesdienst lässt sich in drei Teile gliedern: Eröffnung und Anrufung - Verkündigung und Bekenntnis - Fürbitte, Sendung und Segen. Wenn im Gottesdienst das Abendmahl gefeiert wird, dann gibt es in Württemberg dafür zwei Möglichkeiten: die so genannte Oberdeutsche Form und die Form der Messe.
 
Im Folgenden werden die drei Stücke des Predigtgottesdienstes und die beiden Formen des Abendmahlsgottesdienstes vorgestellt.
 


Eröffnung und Anrufung
Im Laufe der Geschichte wurde der Wortverkündigung des Gottesdienstes ein hinführender Eingangsteil vorangestellt, der Elemente der Eröffnung und Anrufung enthält.
 
Zur Eröffnung gehören Musik zum Eingang, gegebenenfalls eine Begrüßung sowie das Lied zum Eingang. Wird schon hier ein trinitarischer Gruß oder ein Votum verwendet, so bringt dies zum Ausdruck, dass die Feier im Vertrauen auf Gottes Gegenwart gehalten wird. In den Stücken der Eröffnung können die zum Gottesdienst Gekommenen erfahren, dass sie willkommen sind und mit dem, was sie an Freude oder Kummer bewegt, ernst genommen werden.
 
Die Anrufung verbindet die Gemeinde, die sich eingefunden hat, mit der betenden Kirche aller Zeiten. Das geschieht vor allem im gemeinsamen Psalmgebet mit dem abschließenden Gloria Patri (Ehr’ sei dem Vater). Das Eingangsgebet schließt den Eingangsteil ab. Auch das Stille Gebet, eine Besonderheit der württembergischen Liturgie, hat hier seinen Ort. Außerdem ist es möglich, mit mehreren lobpreisenden Liedern zur Verkündigung überzuleiten.
Der Eingangsteil dient dazu, dass alle, die mit ihren persönlichen Erwartungen und Bindungen zum Gottesdienst gekommen sind, sich für die folgende Wortverkündigung öffnen.
 


Verkündigung und Bekenntnis
Der mittlere Teil des Gottesdienstes umfasst die Verlesung biblischer Texte und die darauf bezogene Predigt, ferner das Bekenntnis des Glaubens, das an Festtagen ein festes Stück der Liturgie bildet. Hinzu kommen der Liedgesang der Gemeinde sowie vokale und instrumentale Musik, die der Aufnahme der Verkündigung und vertiefenden Besinnung dienen sollen bzw. einen eigenständigen Beitrag zur Verkündigung darstellen.
 
Die Bezeichnung „Predigtgottesdienst“ weist darauf hin, dass die Christus-Predigt das vorherrschende Kernstück der ersten Grundform ist: „Wie Jesus Christus Gottes Zuspruch der Vergebung aller unserer Sünden ist, so und mit gleichem Ernst ist er auch Gottes kräftiger Anspruch auf unser ganzes Leben; durch ihn widerfährt uns frohe Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt zu freiem, dankbarem Dienst an seinen Geschöpfen.“ (Barmen II)
Die Schriftlesungen folgen in der Regel der Ordnung des Kirchenjahres (nach der geltenden Perikopenordnung).

Schriftlesungen können von Gemeindegliedern übernommen werden; Lesungen und Predigt können durch Gemeindegesang, Chorgesang und instrumentale Musik aufgenommen und ausgelegt werden.
 
Das Glaubensbekenntnis kann auch als Lied oder im Predigtgottesdienst nach der Predigt als biblischer Hymnus (EG Wü 759 ff.) ausgeführt werden. Mit seiner Anordnung vor der Predigt (nach der Schriftlesung) weist das Glaubensbekenntnis darauf hin, dass die aktuelle Verkündigung im Glauben (Schrift und Bekenntnis) gründet. Mit seinem Platz nach der Predigt (vor den Fürbitten) betont es, dass der Glaube „aus der Predigt kommt“ (Römer 10,17) und grundlegend ist für christlich verstandene Hoffnung und Liebe.
 


Fürbitte, Sendung und Segen
Mit Fürbitten und Dankopfer nimmt die von der Verkündigung angesprochene Gemeinde ihre Verantwortung wahr. Sie bittet Gott um Frieden, Gerechtigkeit und Freiheit für alle Menschen sowie darum, dass die Kirche der Welt Gottes Liebe in Wort und Tat bezeugt. Durch ihre Gaben hilft sie den Notleidenden in der Nähe und in der Ferne.
 
Bekanntgaben, die sich auf künftige Veranstaltungen und Verabredungen beziehen, Hinweise zur Gabensammlung (Dankopfer) am Ausgang sowie Abkündigungen, mit denen die Gemeinde Anteil nimmt an wichtigen Ereignissen im Leben ihrer Glieder (Kasualien), gehen der Sendung voraus.
 
Der Schlussteil der Liturgie sendet die Gottesdienstgemeinde in den Gottesdienst im Alltag der Welt. Eine gesungene Bitte um Frieden und Segen oder ein kurzer Dankvers leiten zum Segen über. Vor dem fest geprägten Segenswort kann ein besonderes Sendungswort als Geleitwort für die Woche gesagt werden.
 
Die Musik zum Ausgang kann den Auszug der Gemeinde aus dem Kirchenraum festlich begleiten. Der Gottesdienst kann auch mit Musik ausklingen, während derer die Gemeinde auf ihren Plätzen bleibt.
 
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Ablauf Predigtgottesdienst [RTF, 12KB]
 


Abendmahl (Oberdeutsche Form)
Die Feier des Abendmahls in oberdeutscher Form ist die Erweiterung des Predigtgottesdienstes durch die entsprechenden liturgischen Elemente, die zwischen Glaubensbekenntnis und Fürbittengebet eingefügt werden. Den elementaren Kern des Abendmahls bilden die Einsetzungsworte und die Austeilung von Brot und Wein. Dieser Kern ist umschlossen von betrachtenden Einleitungen und Gebeten (Abendmahlsgebet, Dankgebet).
 
In der oberdeutschen Form bereitet die Beichte (mit Sündenbekenntnis und Zuspruch der Absolution) auf den Empfang des Abendmahls vor. Dazu kommen äußere Zeichen der Gemeinschaft (Friedensgruß) und der persönlichen Annahme des Sakraments (verschiedene Weisen des Abendmahlsempfangs).
In neuerer Zeit wurden die Abendmahlsgebete nach altkirchlichem Vorbild entfaltet und die liturgische Beteiligung der Gemeinde durch besondere Akklamationen („Deinen Tod, o Herr, verkünden wir“, „Maranatha“ u.a.) vermehrt.

Die verschiedenen Aspekte des Abendmahlsverständnisses kommen außer in der Abendmahlspredigt und in den Abendmahlsgebeten auch durch die unterschiedliche Gestaltung der Austeilung und des Abendmahlsempfangs zur Geltung. Dabei unterstreicht der gemeinsame Gesang, dass das Abendmahl eine Handlung der ganzen Gemeinde ist.
 
Weiterhin ist auch eine kurze Feier des Abendmahls im Anschluss an einen Predigtgottesdienst möglich. Sie soll jedoch nicht länger die übliche landeskirchliche Form sein, sondern auf gelegentliche Feiern und einzelne Gemeinden beschränkt werden.
 
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Ablauf Abendmahlsgottesdienst (Oberdeutsche Form) [RTF, 15KB]
 


Abendmahl (Form der Messe)
Die Feier des Abendmahls in Form der Messe ist die dritte Grundform des württembergischen Gottesdienstes. Sie hat neben der Grundstruktur (Eröffnung und Anrufung – Verkündigung und Bekenntnis – Sendung und Segen) viele liturgische Elemente mit dem Predigtgottesdienst gemeinsam. Dabei bestimmen Vorbereitung, Kyrie und Gloria die Anrufung. Der Verkündigungsteil kann durch eine Lesung erweitert werden. Die Fürbitten folgen dem Glaubensbekenntnis.
 
Im eigentlichen Abendmahlsteil gibt es eine Reihe gemeinsamer Texte mit dem Abendmahl in oberdeutscher Form. Elementarer Kern sind die Einsetzungsworte und die Austeilung von Brot und Wein. Dieser Kern ist umschlossen von betrachtenden Einleitungen und Gebeten (Eucharistiegebet, Dankgebet). Die Einleitung wird in der Messe als Präfation (Lobgebet) gestaltet. Ihr kann eine Gabenbereitung vorausgehen. Die zum Mahl Jesu Eingeladenen sprechen das Vaterunser gleichsam als Tischgebet. Weitere Stücke sind liturgische Gemeindegesänge („Sanctus“ zur Präfation, „Deinen Tod, o Herr …“ zur Anamnese [= Gedächtnis Christi] und „Agnus Dei“ zum Brotbrechen) und der Friedensgruß als äußeres Zeichen der Gemeinschaft. Einzelne dieser Elemente gehen auf jüdische und altkirchliche Feierformen zurück. Da sie zur Abendmahlsliturgie der meisten christlichen Kirchen gehören, kommt in diesen Formen eine starke Verbindung mit der Kirche aller Zeiten zum Ausdruck.
 
In neuerer Zeit wurden die Abendmahlsgebete nach altkirchlichem Vorbild durch Anamnese (Gedächtnis Christi), Epiklese (Bitte um den Heiligen Geist) sowie eschatologischen Ausblick erweitert und die liturgische Beteiligung der Gemeinde durch besondere Akklamationen vermehrt. Eine Variante der Messform zur Feier im Anschluss an einen Predigtgottesdienst ist nicht vorgesehen.
 
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Ablauf Abendmahlsgottesdienst (Form der Messe) [RTF, 16KB]

 

Quelle:
http://www.elk-wue.de/glauben/kirchliche-feiern/gottesdienst/gottesdienstablauf/