Die Freude am gemeinsamen Singen verbindet

Fest verankert an der Nürtinger Stadtkirche St. Laurentius: Die Nürtinger Kantorei in diesem Jahr. Fotos: pm

19.09.2015— Nürtinger Zeitung

Vor 150 Jahren schlug die Geburtsstunde der Nürtinger Kantorei – Die Anfänge der Kirchenmusik in der Stadt liegen noch weiter zurück – Von Michael Čulo

Den Beginn der Nürtinger Kirchenmusik eindeutig zu datieren, ist ein schwieriges Unterfangen. Aus dem „Inventarium und Catalogus“ über die Musikalien und Musikinstrumente, 1722 für das Hospital als Eigentümer dieser Gegenstände angefertigt und später fortgeschrieben, können wir entnehmen, dass die Geschichte der Nürtinger Kirchenmusik vor dem Dreißigjährigen Krieg beginnt. Aus dieser Quelle lässt sich auch schließen, dass sich um die Mitte des 18. Jahrhunderts die Stadt im Verhältnis zu ihrer Größe eine große Musikerschar geleistet hat.

Anfang des 19. Jahrhunderts gibt es aber lediglich noch vier Instrumentalisten und sechs Vokalsolisten, die regelmäßig im Gottesdienst musizieren. Das sollte sich bald ändern: 1843 zieht das Lehrerseminar in die Gebäude des „Spitals“, jetzt Altbau der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt. Lehrer und Zöglinge bestimmen nun unter Anleitung des Oberlehrers für Musik mehr und mehr das kirchenmusikalische Leben der Stadtkirche.
Erste Hinweise auf einen kirchlichen gemischten Chor gibt der „Pfarrbericht“, den das Dekanat alle paar Jahre dem „Consistorium“ in Stuttgart abgeben muss. 1849 schreibt Dekan Dr. Wurm: „Einen Singchor für Kirchenmusik bilden die Lehrer mit Sängerinnen, die auf Kosten des Hospitals von Schullehrer Jobst senior stets nachgebildet werden.“
1852 lesen wir, dass der erste Seminaroberlehrer für Musik, seit 1851 auch Organist und Musikdirektor der Stadtkirche, Johann Christian Weeber, ein bis zwei Mal die Woche mit Sängerinnen, die „zusammen mit den Jünglingen des Seminars und Volksschullehrern der Stadt“ den Chor bilden, probt. Schon von Beginn an pflegt der Chor das kulturelle Erbe, etwa bei der „Gedächtnißfeier Johann Seb. Bachs“ 1850 mit der wohl einzigen Bachkantate, die im Nürtingen des 19. Jahrhunderts aufgeführt wird, aber auch mit Chören aus Händels Messias.
In seinem letzten Bericht lobt Dr. Wurm 1862 den Chor für die Unterstützung des Gemeindegesangs und seine Mitwirkung im Gottesdienst: „Regelmäßig ist am Sonntag Kirchenmusik und zum Schluß des Gottesdienstes trägt der Chor der Seminaristen etwas vor.“ 1863 erscheint in Probenanzeigen im „Wochenblatt“ zum ersten Mal der Begriff „Musikverein“: mit einer soliden, vereinsmäßigen Grundlage sollen die Familien der im Chor singenden „hiesigen Frauenzimmer“ wohl mit in die Verantwortung eingebunden werden. Vorstand Ottelbacher lädt auf Donnerstag, 15. Juni 1865, alle Mitglieder, vor allem Familienväter, dringend zur „Plenarversammlung“ ein. Sie ist die offizielle Geburtsstunde der heutigen Kantorei.
Die dabei verabschiedete Vereinssatzung, die „Statuten des Nürtinger Musikvereins“, schreiben die Praxis der zurückliegenden Jahre fest und geben die Zielsetzung für die Zukunft, „gediegene Musik, vorzugsweise geistlichen, aber auch weltlichen Inhalts“ durch die „musikliebenden Familien der Stadt Nürtingen“ einzustudieren und aufzuführen.
Alle sechs Wochen solle eine Veranstaltung in der Stadtkirche oder im Seminar stattfinden. 1877 stirbt Johann Christian Weeber. „Seit Gründung des hiesigen Schullehrerseminars 1843 ist er an demselben thätig gewesen und hat bis zur letzten Stunde mit ungeschwächter Kraft in der musikalischen Ausbildung der Zöglinge ganz Hervorragendes geleistet. […] Unsere Gemeinde wird ihm als dem Leiter des musikalischen Theils unserer Gottesdienste stets ein dankbares Andenken bewahren.“
Sein Nachfolger wird Christian Heinrich Burkhardt. Auch für ihn ist der Musikverein eines der wichtigsten Anliegen und erfüllt ebenfalls die Funktion eines Kirchenchors. Zwei Feste des württembergischen Kirchengesangvereins, 1879 und 1897, dessen Mitglied der Musikverein seit seiner Gründung ist, werden in Nürtingen ausgetragen. Sie bilden Höhepunkte für den „Chor an der Stadtkirche“. In Burkhardts Amtszeit fällt auch die Einweihung der neuen Weigle-Orgel am 2. Mai 1886, bei der unter anderem auch Musik seines Vorgängers Weeber erklingt. Von diesem Konzert ist das älteste gedruckte Konzertprogramm erhalten.

Das erste geschlossene Oratorium erklingt im Jahre 1892

Die Qualität von Burkhardts Schaffen lässt sich aus einer im Dezember 1890 erschienenen Rezension ablesen: „[…] wer ohne Vorurteil dem Konzert beiwohnte, der muß gestehen, daß der Musikverein eine künstlerische Stufe erklommen hat, der ihn berechtigt, eine erste Stelle im gesellschaftlichen Leben unserer Stadt einzunehmen [. . .]“
1892 erklingt wohl das erste geschlossene Oratorium in Nürtingen, wo es bis dahin üblich war, nur einzelne Teile aufzuführen, und beansprucht „monatelang[e]“ Vorbereitung. Dadurch und durch die weiterhin stattfindenden weltlichen Konzerte singt der gemischte Chor nur noch an Festtagen im Gottesdienst. Der Männerchor der Seminarzöglinge versieht nach wie vor seinen sonntäglichen Dienst und „trug je zu Beginn und zum Schluß ein kirchliches Tonwerk vor“, wie Dekan Stock erklärte.
1902 geht Burkhardt mit 72 Jahren in den Ruhestand und übergibt ein wohlgeordnetes Erbe an seinen Nachfolger Ernst Hegele, der, früher Zögling und Musiklehrer in Nürtingen, nach Auswärtsstationen mit 53 Jahren nach Nürtingen zurückkehrt. Hegele pflegt gewissenhaft das Überkommene und ergänzt es vorsichtig. 1915 geht er in den Ruhestand. Über größere Aufführungen in dieser Zeit ist wenig bekannt, ebenso über Wilhelm Lang, der die Vertretung auf dieser Stelle übernommen hatte. Er leitet ein Konzert an Palmsonntag 1916, danach muss er in den Krieg einrücken, aus dem er nicht zurückkehrt.
Eine nochmalige erstaunliche Steigerung erfährt der Musikverein unter Emil Kunz, der seine Begeisterungsfähigkeit auf Seminaristen und Mädchen des Vereins zu übertragen weiß. Von Anfang an werden geschlossene Oratorien aufgeführt. Auch die Bach-Renaissance kündigt sich durch Kantatenaufführungen an. 1921 schließlich wagt sich Kunz an Beethovens Missa solemnis, eines der schwierigsten Chorwerke, „eine Tat, die ihresgleichen in Städten von der Größe Nürtingens nicht leicht findet“.
Zum gottesdienstlichen Singen bemerkt Dekan Ströle 1921, dass „der Seminaristenchor, der früher jeden Sonntag durch seinen musterhaften Gesang […] die Gemeinde erbaut hat“, seit der Revolution viel seltener auftritt. 1923 wird der Musikverein aufgelöst und als Kirchenchor ohne Mitgliedsbeiträge weitergeführt. Auch weiterhin erklingen große Chorwerke wie Oratorien, Messen und Passionen, meist in zwei Aufführungen pro Jahr. Ein Meilenstein ist etwa die erste vollständige Aufführung der Bach’schen Matthäuspassion 1934.
Und auch die gesellige Komponente scheint nicht zu kurz zu kommen. So seien „manche feste Bande fürs ganze Leben“ geknüpft worden. Die politische Situation, später der Zweite Weltkrieg, erlauben die Pflege von Kirchenmusik nur unter größten Schwierigkeiten. Die größte Zäsur bildet die Auflösung des Lehrerseminars 1935: fast alle Männerstimmen fehlen und müssen durch Gemeindemitglieder ersetzt werden, die musikalischen Möglichkeiten sind beschränkter. Dennoch wird der Chor 1937 in „Evangelischer Kirchenchor“ umbenannt und schafft nochmals 1943 die Aufführung des „Messias“.
Einen neuen Aufschwung erlebt der Chor nach dem Krieg mit den Aufführungen von Brahms’ Requiem 1945/46 „zum Gedenken der Toten des Zweiten Weltkriegs“, die ergreifende Wirkung haben. 1973 stirbt Emil Kunz 96-jährig.
1951 bis 1959 wirkt in Nürtingen der erste hauptamtliche Kirchenmusiker Hermann Langbein. Er leitet zwei singende Gruppen: einen kleinen, aber leistungsfähigen Kirchenchor, der in „Kantorei“ umbenannt wird, und die Jugendkantorei, die kurz vor 1955 ins Leben gerufen wurde. Unter seiner Leitung erklingen weniger Oratorien, dafür Werke der Zeitgenossen und Erneuerer der Evangelischen Kirchenmusik Distler, Reda, Bornefeld sowie des Altmeisters Heinrich Schütz und anderen. Sein Nachfolger wird 1959 Otto Lehmann. Er führt bis 1972 Kantorei und Junge Kantorei. Die Kantorei übernimmt er mit einer Mitgliederzahl von zwölf Frauen und einem Mann. „Diese Durststrecke war nach einem Jahr mit der Aufführung des Weihnachtsoratoriums zu Ende, aber es war kein leichtes Jahr“, so Tochter Sigrid Steck.
Mit Beharrlichkeit hat Otto Lehmann den Chor wieder zu „Oratorienstärke“ geführt. Von 1972 bis 1988 leitet Karl Böbel die Nürtinger Kirchenmusik. Unter ihm erklingen bekanntere Werke – beispielsweise zum zweiten Mal in der Geschichte der Kantorei die Matthäus-Passion und Beethovens Missa solemnis – und unbekannte im Wechsel. Auch neuere und neue Musik hat ihren festen Platz: Stücke von Distler, David und Zeitgenössisches des Kollegen an der Esslinger Kirchenmusikschule, Hans Georg Bertram. Drei Mal finden im fünfjährigen Abstand die auch überregional wahrgenommenen Kirchenmusiktage statt.
Nicht zu vergessen sind die guten Kontakte zur Groupe Chorale Prélude in der französischen Partnerstadt Oullins. Böbels Chorarbeit habe „schönste öffentliche Wirkung gezeitigt“, sagt Dekan Walker. Für ihn, so ein Kantoreimitglied, sei „Musik eine Brücke gewesen, die ihn mit anderen Menschen verbunden hat, und die Kantorei eine Art Lebenselixier“.
Für den erkrankten Böbel übernimmt 1988/89 übergangsweise Till Haß die Leitung der Kantorei, bevor im Dezember 1989 Konrad Klek die Nachfolge antritt. In dessen Zeit fällt die konsequente Beschäftigung mit der historisch informierten Aufführungspraxis und der Einsatz von Originalklangorchestern. Seine Forschungen auf dem Gebiet der romantischen Musik kann der heutige Kirchenmusikprofessor und Universitätsmusikdirektor in Erlangen durch die Aufführungen der Hauptwerke Heinrich von Herzogenbergs hörbar machen.
Mit dem zweiten Teil der Bach’schen h-Moll-Messe feiert die Kantorei 1990 ihr 125-jähriges Bestehen und wird vom Bundespräsidenten mit der Zelter-Plakette geehrt. 1995 wird gemeinsam mit dem Bachchor der Partnergemeinde Gotha „50 Jahre Frieden“ gefeiert und Frank Martins zum Kriegsende entstandenes „In terra pax“ aufgeführt. Mit den anderen musiktreibenden Vereinigungen der Stadt wird erstmals 1997 ein einem Komponisten und seinem Werk gewidmeter Abend realisiert – die Brahms-Nacht.
1999 wird Jens Schreiber Bezirkskantor. Schon im darauffolgenden Jahr verlieren er und die Kantorei ihren Hauptaufführungsort durch den Orgelbrand in der Stadtkirche. Die Stadtkirche wird 2001 wiedereingeweiht, 2004 musikalisch gekrönt durch die neue Goll-Orgel. Auch in Schreibers Zeit finden Kooperationen mit den anderen Musikschaffenden statt: 2000 eine Bach-Nacht, 2003 ein Adventssingen, 2005 ein Konzert zum Kriegsende.
Neu ist der Blick auf die französische Romantik, namentlich mit Maurice Duruflés „Requiem“. 2006 stirbt Schreiber mit nur 37 Jahren nach dreijährigem Herzleiden. In einem Gedenkkonzert erklingt erneut Duruflés „Requiem“ unter der Leitung des Metzinger Bezirkskantors Stephen Blaich, der bis zur Neubesetzung die Stelle vertritt.
Seit 2007 ist mit Angelika Rau-Čulo zum ersten Mal eine Frau für die Kirchenmusik an der Stadtkirche verantwortlich. 2009 kommt ihr Mann Michael Čulo mit auf die Stelle. Damit hat Nürtingen sein erstes stellenteilendes Kirchenmusikerehepaar, die evangelische Kirche ihren ersten katholischen Bezirkskantor.
Bach begleitet die Kantorei weiterhin. Nicht nur in den großen Werken wie Johannes-Passion, Matthäus-Passion (zum dritten Mal 2015), dem Weihnachts-Oratorium oder demnächst der h-Moll-Messe (erste Gesamtaufführung der Kantorei 2015), sondern auch in dem sehr lohnenden Kantatenwerk. Darüber hinaus zeigt die Kantorei das reiche – nicht nur evangelische – kirchenmusikalische Erbe seit Heinrich Schütz: Händel, Telemann, Kuhnau und Zelenka, der eher selten gesungene Purcell, Klassiker wie Mozart und Haydn, Romantisches von Mendelssohn und Schumann, wieder Französisches von Widor, Neueres von Distler, Böbel, Honegger und Vaughan Williams und auch Uraufführungen.

Der Kinder- und Jugendchor wirkt bei Konzerten regelmäßig mit

Seit ein paar Jahren wird ein thematischer Schwerpunkt gelegt, etwa auf Musik zum Kriegsende. Die guten Kooperationen vor Ort werden weiter gepflegt mit dem Adventssingen oder der Nacht der Chöre. Die historisch informierte Aufführungspraxis hat ihren Stellenwert bewahrt. Der Nürtinger Kinder- und Jugendchor wirkt regelmäßig bei Gottesdiensten und ausgewählten Konzerten der Kantorei mit.
Mit Haydns Schöpfung werden für Nürtingen neue Wege der Musikvermittlung an Kinder und Jugendliche beschritten. 2015 wird die Kantorei von Ministerpräsident Winfried Kretschmann mit der Conradin-Kreutzer-Tafel für ihr 150-jähriges Bestehen geehrt. Funktion und Zielsetzung des Chores und die Freude am gemeinsamen Singen sind geblieben.
Die Nürtinger Kantorei ist der Chor des Nürtinger Kirchenbezirks, verankert an der Stadtkirche St. Laurentius, dem Wahrzeichen Nürtingens. Circa 90 Sängerinnen und Sänger jedes Alters aus dem Altkreis Nürtingen und darüber hinaus kommen wöchentlich zu Proben zusammen. Daneben erhalten sie ihre sängerische Aus- und Weiterbildung bei der Stimmbildung in Kleingruppen. Im Zentrum der Arbeit steht die Aufführung geistlicher Werke aus allen Epochen in Konzerten und die musikalische Gestaltung der Stunden der Kirchenmusik sowie festlicher (Kantaten-)Gottesdienste in der Stadtkirche.

Das war die Kantorei unter Bezirkskantor Jens Schreiber