Frühjahrssynode am 20. März 2015 im Martin-Luther-Hof in Nürtingen

Lieber Schlauchboote als Brücken
Bezirkssynode zum Thema kirchliche Jugendarbeit

Wie sieht die Zukunft der Jugendarbeit in der evangelischen Kirche aus? Die Zahlen der Jugendlichen, die sich an kirchlichen Angeboten beteiligen, sinken demographiebedingt stetig, wenn auch ihr prozentualer Anteil relativ konstant bleibt. Umso wichtiger ist also die Frage, wie und wo diese jungen Menschen mit Kirche in Kontakt kommen können. Diesem vielschichtigen Thema widmeten sich die Teilnehmer der Bezirkssynode Nürtingen am vergangenen Freitag im Martin-Luther-Hof.

Auf Einladung von Dieter Oehler, dem Vorsitzenden der Synode, des Dekans Michael Waldmann und der Schuldekanin Dorothee Moser stellten zahlreiche Referenten aktuelle Projekte der kirchlichen Jugendarbeit vor.

Im Fokus stand dabei die Kooperation mit Schulen, wo durch den neuen Bildungsplan viele Möglichkeiten der Zusammenarbeit eröffnet wurden.
Oliver Pum, Projektleiter bei Kirche-Jugendarbeit-Schule im Land, zeigte, dass auch bei der weiteren Zunahme von Ganztagsschulen, der Kirche viele
Chancen zur Mitgestaltung offen stehen. So könnten kirchliche Angebote von Aktionen wie etwa „Konfi3“ (Konfirmationsvorbereitung bereits in der 3. Klasse), über „Leseomis“ oder einem Schulfrühstück bis hin zu sportlichen Aktivitäten reichen. Pum verwies auf zahlreiche Projekte, die dies bereits umsetzten. Die Kooperation mit Ganztagsgrundschulen könne dabei die Blaupause für die gesamte Schullandschaft werden, betonte er. Seit Fazit: Statt teure Brücken zu bauen, über die womöglich nachher kaum einer den Weg zur Kirche findet, solle die Kirche lieber in Schlauchbooten dorthin kommen, wo die Kinder und Jugendlichen seien. „Das ist billiger und flexibler. Es lohnt sich, als Kirche jungen Menschen dort zu begegnen, wo sie einen Großteil ihrer Zeit verbringen.“

Diese Einschätzung bestätigte Monika Petsch, Nürtinger Diakonin, die mit einer 25-Prozent-Stelle für die Kooperation mit Schulen im Kirchenbezirk zuständig ist. Am Hölderlin-Gymnasium bietet sie den Schülern und Schülerinnen im Rahmen der Schulseelsorge vielerlei Möglichkeiten zur Teilnahme.

Von einem ganz neuen Kooperations-Projekt mit Nürtinger Realschulen berichtete Jochen Rohde, Jugendreferent des evangelischen Jugendwerks. Die Schüler sind unter dem Motto „Spielraum“ jeden Montag zwischen 14.45 und 16.30h ins Jugendhaus eingeladen.

Bezirkskantorin Angelika Rau-Culo  stellte den Synodalen zwei Kirchenmusik-Projekte mit Kindern vor, darunter der Pilotversuch eines Chorangebots an der Ganztagsschule. Leider war die Resonanz relativ gering; sie „bleibe aber weiter offen für alle Schlauchbootfahrten“.

Was bei vielen Referenten, so auch beim Nürtinger Jugendpfarrer Markus Frank oder dem Jugendreferenten des Bezirksjugendwerks Kircheim/Teck, Andreas Forro, deutlich wurde: Ohne hauptamtliche Planung und Organisation funktionieren solche Projekte nicht. Zwar mangele es nicht an ehrenamtlichen Mitarbeitern, die die Projekte in den Schulen mit umsetzten. Sie müssten jedoch von hauptamtlichen Mitarbeitern der Kirche unterstützt werden. Dies bedeutet zusätzliche Kosten und erfordert die Bereitschaft der Kirche, hier zu investieren. Philipp Burghardt vom Bezirksjugendwerk Nürtingen: “Wir sind bereit zu mehr Kooperation mit den Schulen. Aber wenn unsere bisherigen Aufgaben nicht leiden sollen, geht das nicht ohne zusätzliche finanzielle und personelle Mittel“.

Und so stellte Schuldekanin Moser die Synodalen vor die Frage eines Richtungsentscheids: „Wie viel wollen wir künftig in die Schularbeit stecken, wie sehr soll sich die Kirche für die Kooperation mit den Schulen öffnen? Gar nicht, ein wenig oder sehr stark?“

Jeder Synodale gab seine Stimme in Form eines Tischtennisballs in das entsprechende Gefäß. Knapp 60 Prozent votierten für ein moderates Vorantreiben der Zusammenarbeit von Kirche und Schulen, ein knappes Drittel stimmte für die starke Öffnung.

Der mehrheitliche Standpunkt der Nürtinger Synode wird nun wieder an die zuständigen Gremien des Kirchenbezirks (Kirchenbezirksausschuss, Bezirksarbeitskreis des Jugendwerks) zurück gereicht. Aber auch die Kirchengemeinden vor Ort sind aufgefordert, sich mit der Frage zu beschäftigen und praktische Umsetzungsmöglichkeiten zu diskutieren.

Autorin: Kareen Keller-Kuhnle

Herbstynode am 13. November 2015 in Reudern

© Holzwarth

Dekan Michael Waldmann: „Ich verurteile alle Halbwahrheiten und Lügen, die Ängste vor Flüchtlingen schüren.“ NZ-Archivfoto: jh

Klare Worte gegen Fremdenhass

Synode des evangelischen Kirchenbezirks tagte – Dekan: „Kreuze bei fremdenfeindlichen Demonstrationen sind unerträglich“

Die Vertreter der 27 im evangelischen Kirchenbezirk Nürtingen vertretenen Kirchengemeinden trafen sich am Freitag zu ihrer zweiten Bezirkssynode des Jahres. Dieter Oehler, Vorsitzender dieses Gremiums, begrüßte die Teilnehmer diesmal im Gemeindezentrum der Reuderner Friedenskirche.
Auf der Tagesordnung standen schwerpunktmäßig Haushaltsthemen. Jedoch nutzte Dekan Michael Waldmann die Gelegenheit auch dazu, um eine allgemeine Einschätzung der Rahmenbedingungen für „Kirche heute“ zu formulieren.
So zeige sich der demografische Wandel auch hier überaus deutlich: Die Mitglieder würden älter und weniger; die Kirchensteuer werde mittelfristig dadurch ebenfalls zurückgehen. Der Wandel der Gesellschaft hin zur Individualisierung, Digitalisierung und Ökonomisierung wirke sich auch auf die Kirchen aus.

„Wer Ablehnung und Hass sät, kann sich nicht auf das Christentum berufen“
Michael Waldmann, Dekan, Nürtingen
Zugleich steige aber die Sehnsucht nach sozialem und kreativem Handeln im Mikrokosmos, also im direkten sozialen Umfeld. Sowohl die Gruppe derer, die sich mit der Kirche stark identifizierten, als auch jener, die der Kirche sehr
fern stünden, würde immer größer, konstatierte der Dekan.
Gleichzeitig nehme die Zahl der Pfarrstellen ab und auch die
Ehrenamtlichen würden älter und weniger.
In der Kirche selbst sieht Waldmann dringenden Bedarf
an Struktur- und Immobilienprozessen, die jedoch zu viele
Kräfte der Pfarrerinnen und Pfarrer binden: „Sie arbeiten
unter erschwerten Bedingungen und erfüllen ihre Aufgabe
unter den gegebenen Umständen hervorragend, manchmal
über ihre Kräfte hinaus. Das kann so nicht länger gutgehen.“
Waldmann forderte „mehr Konzentration und Bescheidenheit“. Und weiter: „Wir dürfen auf Dauer nichts mehr Neues anfangen, ohne etwas Altes zu lassen. Wir müssen das eine oder andere ohne Ersatz aufgeben, wenn wir weniger werden.“

Sehr klare Worte fand der Nürtinger Dekan auch zum Thema der Flüchtlinge: „Wer vom ,christlichen Abendland‘ redet, muss sich diesen Werten verpflichtet wissen.“

Wer Ablehnung und Hass säe, könne sich nicht auf das Christentum berufen: „Es ist mir unerträglich, wenn bei fremdenfeindlichen Demonstrationen christliche Kreuze mitgeführt oder Menschen mit dem Tod bedroht werden“, sagte der sichtlich bewegte Dekan weiter: „Ich wende mich entschieden gegen alle Formen von Fremdenhass, Rassismus und Hetze. Ich verurteile jegliche Gewalt gegen Menschen und Sachen und alle Halbwahrheiten und Lügen, die Ängste vor Flüchtlingen schüren“, so seine eindeutige Botschaft.
Wer so argumentiere und handle, stelle eine Gefahr für die Rechtsordnung und den Frieden im Lande dar, nicht die Menschen, die bei uns Schutz suchten und um Asyl bäten.
Im Hinblick auf die große Notlage bei der Unterbringung der Flüchtlinge forderte er die Vertreter der Kirchengemeinden auf, nochmals zu prüfen. ob sie nicht noch weiteren Wohnraum zur Verfügung stellen könnten – etwa durch das Anmieten von Wohnungen, die an Flüchtlinge untervermietet werden könnten. Der Kirchenbezirk habe dies bei drei Wohnungen bereits erfolgreich umgesetzt.
Waldmann freute sich, mit Pfarrer Konrad Maier-Mohns seit September wieder einen neuen Beauftragten für Asyl und Migration im Kirchenbezirk gefunden zu haben.
Auch im Haushaltsplan des Kirchenbezirks für 2016 (der im Übrigen einstimmig von der Synode verabschiedet wurde) findet das Thema seinen Niederschlag: Dort sind die Mittel für eine 50prozentige Diakon-Stelle in der Flüchtlingsarbeit ab März 2016 vorgesehen. Der Kreis-Diakonie-Verband verfügt hier mit Diakonin Veronika Schlechter bereits über eine Mitarbeiterin auf 75-Prozent-Basis.
Bei alldem dürften aber nicht die sozial schwachen und benachteiligten Menschen vergessen werden, die bereits vor Beginn der Flüchtlingskrise hier lebten, betonte der Dekan. Deshalb werde im Haushalt auch die Leitung der Vesperkirche mit einer 25-Prozent-Stelle aufgenommen.
Ein weiteres aktuelles Thema, das Waldmann aufgriff, war das jüngst vom Bundestag beschlossene Gesetz zur Sterbebegleitung. Der Dekan betonte, wie froh er über diese Entscheidung sei, gewerbsmäßige und auf
Wiederholung angelegte Beihilfe zum Suizid zu verbieten.

Konrad Maier-Mohns ist neuer Beauftragter für Asyl und Migration

Zusammen mit dem neuen Gesetz zur verbesserten Finanzierung von Hospiz- und Palliativversorgung sieht er im Votum der Parlamentarier die Aufforderung, in diesem Bereich verstärkt aktiv zu werden.
Der Kirchenbezirk werde deshalb erstmals 5000 Euro aus Steuermitteln für die ambulante Hospizarbeit zuschießen. Waldmann sprach im Weiteren seinen ausdrücklichen Dank an die vielen ehrenamtlichen Helfer aus.
Mit Blick auf die Jahreslosung 2015 „Nehmt einander an wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob“ bekannte er: „Welches Vorzeichen durch diese Jahreslosung für die Herausforderungen dieses Jahres gesetzt wurden, haben wir noch nicht geahnt, als das Jahr begann.“

Autorin: Kareen Keller-Kuhnle