Kirche im Blickpunkt des Wandels

Die Prädikanten Marie Dilger (links) und Walter Knorpp sowie Dekan Michael Waldmann (Zweiter von rechts) und Michael Souchon, der Gemeindepfarrer von Neuffen und Betreuer der Prädikanten

Kirche im Blickpunkt des Wandels

Die Synode des Evangelischen Kirchenbezirks beschäftigte sich mit den Auffassungen von Kirche in der heutigen Gesellschaft

 

Was macht Kirche heutzutage aus, welche Erwartungshaltungen gibt es? Welche Menschen können von der Kirche erreicht werden, welche nicht? Diesen und weiterführenden Fragen gingen die Vertreter des Evangelischen Kirchenbezirks Nürtingen am Freitagabend im Rahmen der 16. Bezirkssynode nach.

Aus aktuellem Anlass standen der gesellschaftliche Wandel und seine Auswirkungen auf die Kirche auf dem Programm der Synode, die in der Grund- und Werkrealschule Neckartenzlingen stattfand. Nicht etwa, um alten Zeiten hinterherzutrauern. Beabsichtigt war vielmehr eine aktive Auseinandersetzung mit dem schwierigen Unterfangen, die Institution Kirche Menschen aus allen Gesellschaftsschichten näherzubringen.

Als Basis hierfür diente der Vortrag von Dr. Heinzpeter Hempelmann über die vielfältigen Milieus in der heutigen Gesellschaft. Eröffnet wurde der Abend von Dieter Oehler, dem Ersten Vorsitzenden der Bezirkssynode, der die Anwesenden begrüßte und auch den Referenten ankündigte.

Im Anschluss daran verabschiedeten Dekan Michael Waldmann und Michael Souchon, Gemeindepfarrer in Neuffen sowie Betreuer der Prädikanten, in einem feierlichen Akt die geschätzte Prädikantin Marie Dilger aus dem Amt, die Beauftragung von Walter Knorpp hingegen wurde verlängert.

Nachdem der Kirchenbezirksrechner Jörg Bauknecht einige Worte zu den Finanzen gesprochen hatte, kündigte der Dekan die Einführung eines Energiemanagements an, womit die Kirchengemeinden einen Beitrag zum Klimaschutz leisten könnten.

Eine witzige Überleitung zum Hauptthema des Abends durfte man schließlich mit einem kleinen Sketch erleben, den einige Mitglieder der Gemeinschaft mit erstaunlichem schauspielerischem Talent vorführten und mit dem außerdem deutlich wurde, dass Kirche und Humor durchaus keine widersprüchlichen Begriffe sind. In einer bunt gemischten Runde diskutierte hier die (frei erfundene) Pfarrerin „Siglinde Sanftmut“ mit ganz unterschiedlichen (ebenfalls fiktiven) Charakteren wie dem konservativen Vorsitzenden des Kleintierzüchtervereins, einer esoterisch angehauchten Anhängerin des Dalai Lama und einem Friedensaktivisten alten Schlages darüber, wie man sich Kirche vorstelle und wie man die leeren Kirchenbänke wieder mit Leben füllen könne.

Nachdem die Anwesenden durch die amüsanten Dialoge der Akteure ganz entspannt auf das Thema eingestimmt worden waren, bot Dr. Hempelmann den entsprechenden wissenschaftlichen Hintergrund mit seinem Vortrag, der den vielversprechenden Titel „Hinaus in alle Milieus? Mit Menschen aus verschiedenen Milieus Kirche sein – Milieuanalyse als Instrument der Kirchenleitung und Medium missionarischer Arbeit“ trug. Hempelmann referierte zunächst über die aktuelle Lebenssituation in der Gesellschaft, die sowohl von Prämoderne, Moderne als auch Postmoderne geprägt sei, sodass ganz verschiedene Mentalitäten nebeneinander existierten und in Konkurrenz zueinander stünden.

Doch damit nicht genug. Soziologen haben in jahrelang andauernden wissenschaftlichen Studien herausgefunden, so Hempelmann weiter, dass die nachmoderne Gesellschaft von insgesamt zehn verschiedenen Milieus geprägt ist. Und jede einzelne dieser Gruppen habe ihre eigene Lebensanschauung und somit auch Vorstellung von und Erwartungshaltung an die Kirche.

 

Welche Milieus werden überhaupt noch erreicht?

 

Die Konservativen beispielsweise sähen die Kirche als Bewahrer von traditionellen Werten, die bürgerliche Mitte als Institution für die Familie, für die Jungen und Unkonventionellen hingegen sei die Kirche kaum mehr als eine Option, vielleicht für den Notfall: Es ist zwar gut, wenn man sie hat, aber noch besser, wenn man sie nicht braucht. Laut Hempelmann erreicht die christliche Kirche nur zweieinhalb dieser zehn Milieus, die Besucher der Gottesdienste am Sonntagmorgen sind im Wesentlichen nur einer Gruppe zuordenbar.

Handlungsbedarf scheint demnach gegeben, und im Anschluss an das Referat Hempelmanns bestand durch Selbstreflexion und Gruppenarbeit die Möglichkeit, sich Gedanken über das Gehörte zu machen und Vorschläge anzudiskutieren. Man bräuchte wohl einen Stein der Weisen, um dieses komplexe Problem in einer Sitzung zu lösen, doch Anregungen wurden an diesem Abend zur Genüge ausgetauscht, bis die Abendandacht die Synode beendete.