Ein Polizeichef im Gottesdienst? Im Stephanushaus im Roßdorf ist das möglich. Der Nürtinger Revierleiter Mathias Lipp versicherte: "Das Roßdorf ist sicher".

Autor: Nürtinger Zeitung

NÜRTINGEN (we/psa). „Gib mir ein bisschen Sicherheit in dieser Welt“: Mit dieser Bitte setzte Pfarrerin Birgit Mattausch das Motto des Gottesdienstes. Und sie nahm damit auch Ängste von Teilen der Roßdorfer auf, die befürchten, die für nächstes Jahr zu erwartenden etwa dreißig Flüchtlinge könnten die Sicherheit im Roßdorf gefährden. Deshalb hatte sie den Leiter des Nürtinger Polizeireviers, Mathias Lipp, eingeladen.

Und Lipp machte gleich klar, dass sich die Bürger im Roßdorf sicher fühlen können – so sicher wie in anderen Teilen seines großen Reviers. Gemessen an der Zahl der Straftaten ist der Stadtteil auf dem Berg „völlig unauffällig“. Sicherheit sei freilich ein Gefühl und damit subjektiv. Die Medien, egal ob die Presse oder die sozialen Netzwerke, würden kleinere Straftaten aufbauschen und dadurch erst ein Gefühl von Unsicherheit erzeugen. „Unsicherheit“, so Lipp, „schaffen diejenigen, die Ängste verbreiten.“ Damit spielte er auf einige Flugblätter an, die im Roßdorf seit einiger Zeit kursieren.
Auf die Unterbringung der Flüchtlinge im Roßdorf angesprochen sagte Lipp, er könne natürlich nicht versichern, „dass sich im Roßdorf nichts ändert“. Er verwies aber auf seine Erfahrungen in seiner Gemeinde Altbach, in der er seit Langem im Gemeinderat sitzt. Die dortigen Flüchtlinge „fallen polizeilich nicht auf“. Angst vor steigender Kriminalität brauche man nicht zu haben; an dem Gefühl von Unsicherheit seien aber auch Politiker schuld, die entsprechende Ängste in der Bevölkerung aus eigenem Interesse schüren. Er warnte aber ausdrücklich davor, sich mit „Bürgerwehren“ helfen zu wollen. Das Gewaltmonopol müsse beim Staat bleiben. Straftaten müssten von der Justiz geahndet werden, und sie tue das auch: „Unsere Justiz mahlt langsam, aber gründlich.“
In einem freien Land, warf Pfarrerin Mattausch ein, könne es keine absolute Sicherheit geben, „aber Sicherheit bei Gott“. Lipp, gläubiger Christ, stimmte dem prinzipiell zu. „Wer denkt über den Psalm 91 nach? Wem genügt das?“, fragte der Polizeidirektor. Nicht alle Menschen seien durch die christliche Botschaft zu erreichen.
Lipp gab den zahlreichen Besuchern des Gottesdienstes den Rat, „schnell gestreute Informationen differenziert anzugehen“. Man müsse offen auf die Flüchtlinge zugehen, „weltoffen bleiben, sich nicht abkapseln“. Die Roßdorfer müssten sich der Aufgabe stellen, mit den Flüchtlingen zusammenzuleben. Und sein Wunsch: Mut zeigen, Ruhe bewahren, Weltoffenheit praktizieren, Meinungsmache entgegentreten. Er sagte nicht „Wir schaffen das“, aber er betonte: „Wir sind auf der richtigen Spur“. Nach dem Segen, den sowohl Mattausch als auch Lipp sprachen, nahm sich der Polizeichef noch Zeit fürs persönliche Gespräch.

Mattausch verlässt das Roßdorf
Im Gottestdienst kündigte die Pfarrerin an, dass sie nur bis zum Ende des Jahres Pfarrerin im Roßdorf sein werde.
Mattausch wird künftig im Michaeliskloster in Hildesheim wirken. „Das ist das Gottesdienstinstitut der Hannoverschen Landeskirche. Die wollten mich gern haben. Und Württemberg leiht mich nun dahin aus“, schreibt Mattausch auf ihrer Facebook-Seite. Die Pfarrerin wird dort Teil eines Teams aus Theologen und Kirchenmusikern sein, das andere dabei unterstützt, Gottesdienste schöner zu gestalten.
„Es ist ein ganz schön großer Schritt für mich – aber ich freue mich sehr und bin sicher, dass das ein guter Ort für mich ist“, so Mattausch weiter.
Den Weihnachtsgottesdienst gestaltet die Pfarrerin noch im Roßdorf. Doch dann wird sie den Panoramablick der 16. Etage gegen das norddeutsche Tiefland tauschen. Am 15. Januar 2017 soll ihr Abschiedsgottesdienst stattfinden.