09.10.17

Fulminanter Abend über Luthers Leben

Zum Reformationsjubiläum lud die Kirchengemeinde Linsenhofen zu einem Auftritt der Extraklasse ein

© Sabrina Kreuzer

Volles Haus auf der Bühne und im Saal

Autorin: Sabrina Kreuzer - Nürtinger Zeitung

Es ist still im Erich-Scherer-Zentrum. Der Saal ist bis auf den letzten Platz ausgebucht. Die Gäste warten gespannt auf die Stars des Abends. Als sich die Türen öffnen, bricht Applaus aus: Der Chor Cantale betritt die Bühne und wird gefeiert wie die großen Stars.

Vor 500 Jahren schlug Martin Luther seine 95 Thesen an die Tore der Schlosskirche Wittenberg – ein Akt, der viel Aufsehen erregte und zur Spaltung der westlichen Kirche führte. Auch in der Evangelischen Kirchengemeinde Linsenhofen wird das Jubiläum gefeiert. Wer jedoch denkt, dass ein normaler Gottesdienst ausreicht, um Luthers Taten zu zelebrieren, der liegt weit daneben.

Aufregend, voller Glanz und fetzig – so sah die Feier am Samstagabend im Erich-Scherer-Zentrum aus. Unter der Leitung von Andreas Großberger und begleitet von einem Orchester sowie einer Band führte der Chor Cantale das Luther-Pop-Oratorium auf. Wobei die Betonung auf „Pop“ liegt: Die 70 Sänger heizten dem Publikum ordentlich ein, motivierten zum Mitklatschen und erhielten Standing Ovations. Professionelle Unterstützung gab es von Felix Heller und Fabian Brandt. Beide sind unter anderem als Musicaldarsteller tätig. „Wer ist Luther?“, lautete die große Frage des Abends. Mit insgesamt 20 Liedern führte Cantale durch das Leben des Augustinermönchs – mit der Jugend- und Studienzeit Luthers beginnend über seine Entscheidung, die Wahrheit ans Licht zu bringen, bis hin zu seiner Entführung und dem Dasein auf der Wartburg.

Dabei wird klar, dass Martin Luther nicht für sich oder seine Lebensentscheidung werben wollte. Er rückte die Gnade Gottes und die Bibel in den Mittelpunkt. Durch das Lesen der Bibel fand Luther Mut, und das wollte er anderen Menschen zeigen – um das möglich zu machen, übersetzte er sie ins Deutsche. So war es mehr Menschen möglich, diese zu verstehen und ihre Botschaft nachzuvollziehen.

Eigentlich hatte Luthers Vater für seinen Sohn ein Jura-Studium vorgesehen. Dieser wurde eines Tages jedoch auf dem Nachhauseweg von einem schweren Gewitter überrascht. Luther hatte Todesangst und gelobte, Mönch zu werden. „Am Anfang war das Wort“, heißt das Lied, das Cantale über die Entscheidung Luthers sangen: „Am Anfang war das Wort, und Gott ist das Wort.“

Die Menschen standen hinter Luther, sahen in ihm eine Art Held. Doch Selbstzweifel plagten den Mönch. „Ich höre ihn jede Nacht stöhnen, er muss Höllenqualen leiden“, erzählte Chor-Solist Kurt Blank alias Philipp Melanchthon. Innere Ruhe und Selbstgewissheit fand Luther mit Hilfe des Apostels Paulus. Und so konnte er seinem zweiten Verhör voller Mut entgegensehen. Martin Luther, dessen Passagen von Felix Heller gesungen wurden, ist sich sicher: Er wird nicht widerrufen. Nach dem Verhör fand Martin Luther Zuflucht in der Wartburg, übersetzte dort das Neue Testament ins Deutsche und ging als zentrale Person der Reformation in die Geschichte ein. Der Chor Cantale erinnert uns daran, für was er sich einsetzte und was heute aktueller ist denn je: „Luther gab nie auf. Er stand auch mal alleine, weil es ihm um die Wahrheit ging.“ Denn „die Wahrheit ist ein scharfes Schwert, das die Mächtigen das Fürchten lehrt.“ Heller alias Luther brachte es auf den Punkt: „Jeder sollte selber denken, Mut ertragen, Freiheit wagen.“

Am Ende des Abends hörte man „L-U-T-H-E-R“ durch die Reihen murmeln – der Ohrwurm des Abends begleitete die Zuschauer nach Hause. Eines ist sicher, das Luther-Pop-Oratorium war ein Erfolg auf der ganzen Linie und verbindet durch seine ansteckenden Melodien Menschen verschiedenster Glaubensrichtungen.