Wie haben wir uns das Leben schwer gemacht!

Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirche baten einander um Verzeihung für viele Verletzungen

Freude nach einem bewegenden Gottesdienst: Pastoralreferent Marcel Holzbauer von der katholischen, Dekan Michael Waldmann von der evangelischen, die Pastoren Johannes Hilliges von der baptistischen und Jürgen Hofmann von der evangelisch-methodistischen sowie Gemeindeevangelist Michael Bayer von der neuapostolischen Gemeinde (von links) jg

Nürtinger Zeitung - Jürgen Gerrmann

 

Obwohl es Martin Luther nicht wollte: Nach der von ihm eingeleiteten Reformation war die Christenheit gespalten – in die Guten und die Bösen. Wobei die Guten natürlich immer auf der jeweils eigenen Seite zu finden waren. Ein Zustand, der Jahrhunderte anhielt. Just deswegen war der Gottesdienst am Sonntagabend in der Nürtinger Stadtkirche so bewegend.
 

NÜRTINGEN. Er stand im Zeichen der Bitte um Vergebung und Versöhnung und wurde von allen Mitgliedern der Nürtinger Arbeitsgemeinschaft gemeinsam gefeiert. Dafür stand als Symbol ein Projektchor mit Sängern aus allen Gemeinden, den Angelika Rau-Čulo (deren Mann Michael Čulo eindrucksvoll die Orgel spielte) toll eingestimmt hatte.

Auch die liturgische Gestaltung des Gottesdienstes übernahmen alle gemeinsam.

Zu Beginn tischten der evangelische Dekan Michael Waldmann, der baptistische Pastor Johannes Hilliges und Gemeindeevangelist Michael Bayer von der neuapostolischen Kirche all die (Vor)Urteile auf, die über Jahrhunderte hinweg sorgsam gehegt und gepflegt wurden: Die Katholiken seien scheinheilig, das Papsttum des Teufels, die Protestanten wollten immer das Sagen haben und seien zudem humorlos und frömmlerisch, die Neuapostolen und Baptisten eine Sekte und die Freikirchen hielten sich immer für was Besseres.

„Wie haben wir uns das Leben schwer gemacht!“, seufzte da Waldmann: „Nicht der Mensch war wichtig, sondern das richtige Gesangbuch.“ Das habe sogar Liebende auseinandergebracht. Am Spiel „Christen gegen Christen“ seien viele beteiligt gewesen: Päpste und Pröpste, Pastoren und Pfarrer, Väter und Mütter, Kollegen und Vorgesetzte, Wortführer und Schweigende. Heute tue es weh, einander daran zu erinnern („erst recht, wenn es immer noch geschieht“), deswegen bitte man Gott um sein Erbarmen.

Das Schuldbekenntnis sowie die Versöhnungsbitte und den Vergebungszuspruch formulierten dann Michael Bayer und Pastor Jürgen Hofmann von der evangelisch-methodistischen Gemeinde. Und in der Predigt von Pastoralreferent Marcel Holzbauer ging es dann ebenfalls um das Bemühen, sich Christus am nächsten fühlen zu dürfen. Schon unter den Jüngern Jesu habe es diese Rangstreitigkeiten gegeben, Jakobus und Johannes hätten darum gebuhlt, einst im Himmelreich direkt neben dem Gottessohn sitzen zu dürfen.

Man kenne das ja auch aus dem Miteinander und Gegeneinander christlicher Kirchen und Gemeinschaften: „Wer hat die beste Position? Wer ist Gott am nächsten? Nichts anderes bringen doch die Verletzungen zum Ausdruck, die wir uns im Laufe der Geschichte zugefügt haben.“

Aber Jesus habe allen zwölf Jüngern klar gemacht, dass eben keiner eine besondere Nähe zu ihm oder sogar eine Führungsrolle für sich beanspruchen könne. Er mache klar: „Es kommt auf die Haltung und die Bereitschaft, einander zu dienen, an. Es geht nicht um Macht und Recht, sondern um die Ohnmacht, in die Jesus sich hineinbegibt.“

Es komme eben nicht auf tolle Strukturen, kluge Traktate oder schöne Rituale an, sondern nur auf die Bereitschaft, einander zu dienen: „Es ist der Glaube an Jesus Christus, der uns zusammenführt und verbindet. Auch wenn wir ihn unterschiedlich leben. Da werden dann auch Sitzordnung und Rangfolge völlig unwichtig und unbedeutend.“

Und von dieser Stimmung war denn auch der ganze Abend geprägt. Wohl alle spürten, wie sehr Versöhnung befreien kann. Und nehmen dieses Gefühl nun mit in die eigenen Gemeinden.