Die Kirche wurde zur Bühne

Nürtinger Kantorei mit eindrucksvoller Aufführung von Bachs Johannespassion in der Stadtkirche St. Laurentius

© Jüptner

Volles Haus am Karfreitag bei der Aufführung von Johann Sebastian Bachs „Johannespassion“

Autor: Udo Klebes — Nürtinger Zeitung


NÜRTINGEN. Großtaten sind wir von der Nürtinger Kantorei unter der Führung des Kantoren-Ehepaars Angelika Rau-Čulo und Michael Čulo von den letzten Jahren gewohnt. Entsprechend hoch ist der Erwartungsdruck, dem das Ensemble ausgesetzt ist, zumal immer wieder neue Stimmgruppen-Aufstellungen die Herausforderung des Leistungsvermögens von Mal zu Mal noch gesteigert haben.

So kam jetzt bei der karfreitäglichen Aufführung von Johann Sebastian Bachs „Johannespassion“ für die Chorsänger durch eine nicht gebündelte Gruppierung von maximal vier zusammenstehenden gleichen Stimmfach-Vertretern die erhöhte Prüfung der Selbstkontrolle hinzu.

Wie sehr das zur lebendigen Umsetzung des Werkes in wesentlichen Momenten beigetragen hat ohne bei den Unisono-Chorsätzen die Harmonie zu beeinträchtigen, wird im weiteren Verlauf dieser kritischen Bestandsaufnahme noch zur Sprache kommen. Bei der Beschäftigung mit Bachs erster, 1724 zu Beginn seiner Leipziger Kantorentätigkeit entstandener oratorischer Passion stellt sich zuallererst die Frage, welcher Fassung der Vorzug gegeben wird.
Denn wie bei einigen anderen Meisterwerken (darunter aufgrund einiger thematischer Bezüge bewusst Beethovens „Fidelio“ genannt) existieren hier vier verschiedene Fassungen, wobei sich diejenige aus Bachs letzten Lebensjahren am meisten mit der Urfassung deckt. Angelika Rau-Čulo, der diesmal die Gesamtleitung oblag, entschied sich jedoch bewusst für die zweite Fassung von 1725, bei der Anfangs- und Schlusschor durch zwei Sätze ausgetauscht sind, die später in die „Matthäuspassion“ beziehungsweise die Kantate „Du wahrer Gott und Davids Sohn“ übernommen wurden.
Außerdem wurden drei Alternativ-Arien eingefügt, die das dramatische Element der Komposition noch mehr unterstreichen. Diese vor allem in der Verhörszene zwischen Pilatus und Jesus regelrecht nach einer szenischen Darstellung verlangende Bühnennähe gehört zu den auffälligsten Neuerungen, die Bach mit diesem Werk im Neben- und Ineinandergreifen von traditionellen Chorälen, sogenannten Turbo- oder Aktionschören, erzählenden Rezitativen und ariosen Reflektionen sowie einer untereinander vielfach symmetrischen Bezugnahme einzelner Nummern so mustergültig geschaffen hat.
Bei aller kühnen, ungewohnt realistischen Schilderung des Geschehens von der Gefangennahme, dem Verhör, der Verurteilung und dem Tod Jesu durch die Übernahme einiger Text-Abschnitte aus Heinrich Brockes Passionsdichtung sowie teils von eigener Hand frei hinzukonzipierte Zeilen behielt der Bibeltext aus dem 18. und 19. Kapitel des Johannesevangeliums seine zentrale Bedeutung. Eine wesentliche Unterstützung des so greifbar aufrüttelnden Geschehens erfährt diese schon sehr opernnahe Form des Oratoriums durch die enorm aufgewertete Stellung des Orchesters als Ausdrucksträger verschiedener Vorgänge und der damit einhergehenden Empfindungen.
Die Nürtinger Kantorei möge es verzeihen, wenn die diesbezüglich hoch professionelle und als Basis der ganzen Aufführung entscheidende Bedeutung des Einsatzes des nach dem letzten Konzert erneut verpflichteten Capricornus Consort Basel an erster Stelle gewürdigt wird. Das Ensemble unter der Führung von Peter Barczi schafft aus einer ungemeinen Ruhe und Entspannung heraus, sowohl im kompletten als auch kammermusikalisch solistischen Einsatz, einen Teppich, auf den die Vokalisten sowohl zuverlässigst gebettet sind als auch über ihm zu schweben vermögen.
Die allesamt an der Schola Cantorum Basiliensis ausgebildeten Musiker bauen in blitzsauberer Intonation Stimmungen auf wie beispielsweise das Erdbeben in den drohend grummelnden Streichern oder generell im akzentuierenden Continuo. Andererseits grundieren und umspielen sie die Solisten bei ihren Betrachtungen mit beweglich lockerer Phrasierung wie die Flöten oder Oboen in den beiden Sopran-Arien.
Nun aber zur umfangreichen Leistung der Kantorei, die sich mit der erwähnten neuen Aufstellung nach etwas vorsichtigem Beginn schnell zurechtgefunden hat. Der geschlossen harmonische Einsatz in den vielen gliedernden Chorälen trat bei „Wer hat dich so geschlagen?“ durch ein besonders sanftes Ein- und Ausgleiten der Phrasen zutage. Im Einwurf „Wir dürfen niemand töten“ kamen die nun ineinanderfließenden Stimmgruppen-Einsätze auffallend plastisch zur Geltung.

Machtvoll aufgetürmter Höhepunkt

Speziell in diesen Kommentaren des Volkes machte sich die völlig durcheinandergemischte Aufstellung des Chors wirkungssicher bezahlt. Wie ein Lauffeuer ertönten da die einzelnen, sich übereinanderschichtenden Zurufe der erregten Volksmenge und erreichten im fordernden „Kreuzige!“ ihren machtvoll aufgetürmten Höhepunkt. Da wurde, angefacht von der energisch fordernden und beherzt vorformenden Leitung Angelika Rau-Čulos, die Kirche zur Bühne!
Die Bandbreite vom zarten und schlichten Tonansatz bis zum voll tönenden und von bestimmendem Ausdruck erfüllten Tutti zeitigte klangliche Wirkungen bisweilen schroffer Kontraste. Da wurde in der Einstudierung hörbar gefeilt, auf eine klare natürliche Artikulation Wert gelegt und durch ein möglichst nur auf Satzanfänge konzentriertes Blicken in die Noten bis in die kleinen Chor-Soli hinein viel Spontaneität und zusammenhängendes Gestalten erzielt. Wiewohl nicht so ausgreifend eingesetzt wie in der später entstandenen „Matthäuspassion“, bildeten die Solisten doch auch hier die unverzichtbaren Farbtupfer.
Als erzählender und in zwei Arien selbst betrachtender Evangelist agierte Johannes Kaleschke mit dem ausgeglichenen und von unaufgeregter Attitüde geprägten Einsatz seines hell timbrierten, im oberen Register und den Höhen strahlend leichten und rein eingesetzten Tenors. Das Verhör von Pilatus und Jesus erhielt durch die so gegensätzlich veranlagten Bässe eine erhöhte Spannung.
Während Thomas Scharr Jesu Antworten mit weichem und mehr baritonal grundiertem Timbre einen sehr bedachten, aber dennoch bestimmten Unterton verlieh, bildete der langjährig international erfahrene Wolf-Matthias Friedrich als Pilatus durch die enorme Resonanz seines seriöseren und dunkleren Basses einen Dialogpartner von Respekt gebietender Präsenz.
Nicht nur im erregten, von unruhigen Orchesterlinien begleiteten „Himmel reiße, Welt erbebe“, wo Friedrich bei aller Stimmfülle Flexibilität und Wendigkeit in den vielen kurzen Noten beweist, auch in den satter und präzise ausformulierten Rezitativen bannt der charismatische Sänger zum Zuhören. Bleibt noch der schmale, allenfalls in der Tiefe etwas matte, aber feine, ganz neutral und geschlechtslos wie aus einer anderen Welt dringende Altus Franz Vitzthum, der speziell im Lamento „Es ist vollbracht“ mit völlig ruhiger Stimmführung, eingehüllt von der mittrauernden Viola da Gamba, eine ergreifende Tiefendimension erreicht. Die Sopranistin Andrea Lauren Brown bezaubert zuerst mit den licht und leicht hingetupften „freudigen Schritten“, mit denen sie Jesu zu folgen bekennt, und dann mit einem innig ausgeschöpften, von leuchtenden Lyrismen erfüllten „Zerfließe mein Herze“, das im wahrsten Sinne des Wortes zum Dahinschmelzen ist.
Besonders beim Finalchor „Christe Du Lamm Gottes“ mit der engen Verzahnung von Klage und Friedensbitte wird die Botschaft, der Sieg der Humanität über alles Leid(en) hinweg und damit die verständliche Wahl dieser Alternativ-Fassung bewusst. Ein ganz schlichtes und leicht im Kirchenschiff verhallendes Amen leitete schließlich über zum angestrahlten Kreuz und zur andächtigen Stille. Bei allem Verständnis für den erbetenen Verzicht auf Applaus wäre ein Bravochor der bis restlos gefüllten Kirche die verdiente Reaktion gewesen.