So klang es einst am englischen Hof

Die Nürtinger Kantorei brachte an der Stadtkirche Musik von Georg Friedrich Händel zu Gehör Chor, Orchester und Solisten klangen beim Kantoreikonzert wie aus einem Guss. Foto: Jüptner

Nürtinger Zeitung - Cornelia Krause

Beim ersten Kantoreikonzert in diesem Jahr brachte die Nürtinger Kantorei Werke des großen Barockkomponisten Georg Friedrich Händel zu Gehör. Händel, 1685 in Halle geboren, gehört neben Johann Sebastian Bach zu den bedeutendsten Komponisten der Barockzeit. Gleichzeitig ist er aber auch der erste „europäische“ Komponist. Aufgewachsen im lutherisch geprägten Sachsen, prägten ihn zahlreiche ausgedehnte Reisen nach Italien, wo er mit seinen Kompositionen große Erfolge feierte, aber nicht zum Katholizismus übertrat. Im Jahr 1714 siedelte Händel nach London über, wo er bis zu seinem Tod lebte und komponierte. So setzte er sich dort mit der anglikanischen Kirchenmusik auseinander und komponierte für den dortigen Hof festliche Anthems.

Am Sonntagabend waren zwei dieser selten gespielten „Juwelen“ zu hören. „O come, let us sing unto the Lord“, beginnt mit einer Symphony des Orchesters. Der Nürtinger Kantorei zur Seite stand das Barockorchester La Banda, das auf Originalinstrumenten dem besonderen Klang der Barockmusik nachspürt und dadurch einen wunderbar transparenten Klang entwickelt und jede Stimme hörbar macht. Der erste Choreinsatz klang frohlockend, sehr genau und präzise in der Aussprache war jede einzelne Stimme gearbeitet, um dann einen homogenen Chorklang zu bilden.

Wunderbarer Zusammenklang

Im Gegensatz zu den Rezitativen und freien Dichtungen in den Arien der Bach’schen Kantaten werden in den Händel’schen Anthems Texte aus dem Psalter behandelt. Der bekannte Tenor Johannes Kaleschke wurde in seiner ersten Arie von zwei Blockflöten begleitet. Durch diesen dunkleren, nachdenklichen Charakter kam die klare, weiche Tenorstimme Kaleschkes besonders eindrücklich zur Geltung. Die zweite Solistin des Abends war die Sopranistin Wakako Nakaso. Ihre Arie „O magnify the Lord“ wurde vom Orchester besonders sensibel begleitet. Ihr feiner, glockenreiner Sopran wurde nie überdeckt, so entstand ein wunderbarer Zusammenklang.

In die Mitte des Konzerts hatte das Organisten-Ehepaar Angelika Rau-Čulo und Michael Čulo eines der Händel’schen Orgelkonzerte platziert. Hatte Michael Čulo beim ersten Anthem am Dirigierpult gestanden und seine Frau die Orgel gespielt, tauschten sie nun die Plätze. Michael Čulo übernahm den Solopart des Orgelkonzerts. Schon die Tatsache, dass er das mitten im Orchester stehende Orgelpositiv spielte, und nicht auf der großen Orgel auf der Empore musizierte, signalisierte den kammermusikalischen Gestus des Konzerts. So entwickelte sich ein feines Zusammenspiel. Beginnend mit den tiefen Streichern kam die Orgel ganz schlicht dazu, erst mit den hohen Streichern entwickelte sich ein prachtvoller Klang. Im langsamen Mittelsatz, der nur der Orgel vorbehalten ist, kam eine fast meditative Stimmung auf, die die Zuhörer frei atmen und die Musik genießen ließ. Im virtuosen Schlusssatz konnte Michael Čulo seine Kunst aufblitzen lassen. Immer im Wechsel mit fröhlich tänzerischen Orchestereinwürfen warfen sich Orchester und Solist gegenseitig die Bälle zu, es entstand ein inniges Musizieren.

Beim folgenden Anthem „Let God Arise“ brach der Chor wie aus dem Nichts aus dem Orchestervorspiel hervor. Unter dem Dirigat von Wolfgang Heilmann musizierten Chor, Solisten und Orchester prachtvoll zusammen. Dramatik entstand bei Johannes Kaleschkes Tenorarie von den „Frevlern“, eine prägnante Oboenstimme markierte das Geschehen. In der folgenden Sopranarie durfte Wakako Nakaso in großartigen Koloraturen die „Gerechten“ loben. Im abschließenden Schlusschor mit dem jubelnden Halleluja zeigte die Kantorei noch einmal ihr hohes gesangliches Niveau.

Insgesamt war dies ein Konzert wie aus einem Guss. Das Publikum fühlte sich an den englischen Hof des 18. Jahrhunderts mit seiner festlichen höfischen Tradition versetzt. Das Programm war thematisch perfekt abgestimmt und genauso harmonierten auch alle Musiker miteinander. So konnte ein feines Gesamtkunstwerk entstehen, niemals zu laut, nicht vordergründig und ein beglückendes Kennenlernen selten gehörter Werke.