„Freiheit ist eine Stufe höher“

Vier Stunden ohne Einengung und jede Langeweile: „Nacht der Freiheit“ im Martin-Luther-Hof

© Dietrich

Viele spielerische Einlagen wie hier mit Tischtennisbällen gab es bei der Nacht der Freiheit.

Autor: Peter Dietrich, Nürtinger Zeitung

Die „Freiheit“ war ein Kernbegriff der Reformation, deshalb wurde in vielen Kirchen im Land am 12. Mai die „Nacht der Freiheit“ gefeiert. Im Martin-Luther-Hof gemeinsam mit den Katholiken von St. Johannes und vier kurze Stunden lang.

Als Erwachsener endlich mal wieder mit großen Bauklötzen spielen? Gemeinsam Freiheitslieder singen oder Papierflieger basteln? Das ganz besondere Künstler-Duo Dominic Edler und Stefan Noss bei der gemeinsamen Arbeit beobachten? Im Pfadfinderzelt am Feuer sitzen? Das alles und noch viel mehr gab es für die rund 100 Besucher. Dazu einen lustigen Spaß mit Unmengen von Tischtennisbällen, mit Brettern als Schläger, das Ganze inspiriert von Robby Höschele und begleitet von wunderbarem Jazz.

Doch es ging auch ernsthaft zu und um das, was die menschliche Freiheit bedrängt. Eine weiße Fläche von zwei mal sechs Metern machte den engen Raum im Flüchtlingscontainer deutlich, eine Rauschbrille zeigte die Sichteinschränkungen nach überhöhtem Alkoholgenuss. In einer der kleinen Gesprächsrunden berichtete Amirabbas Rahparvar. Als bekannt wurde, dass sie Christen sind, musste seine wohlhabende Familie aus Teheran fliehen. „Die einzige Person, die an mich geglaubt hat, war meine Mutter“, sagte der 17-Jährige, der hervorragend Deutsch spricht, in der elften Klasse Richtung Abitur geht und dann Jura oder Politik studieren will. „Freiheit ist eine Stufe höher“, sagt er im Rückblick. „Was bringt mir das viele Geld, wenn ich im Gefängnis lande?“

Doch was ist Freiheit? Darum ging es einer Runde unter der klugen Leitung des Journalisten Eckhard Rahlenbeck. Für Umweltminister Franz Untersteller war es Freiheit, als einer der Ersten in seiner Familie studieren zu dürfen. Oberbürgermeister Otmar Heirich erzählte vom Tauchen in der Karibik. Chefredakteurin Anneliese Lieb davon, wie sie mit 18 oder 19 Jahren das erste Mal in Ost-Berlin war und ein anderer aus der Gruppe festgehalten wurde. Da wurde ihr die Freiheit klar, „die wir so ganz selbstverständlich genießen“. „Sie haben mein Beispiel geklaut“, beschwerte sich Mathias Lipp, Polizeichef in Nürtingen. Als ein Mitschüler an der deutsch-deutschen Grenze zum falschen Zeitpunkt „Guten Morgen“ sagte, kostete das eineinhalb Stunden Warten. Lipp erlebte auch die Freiheit, aus einfachen Verhältnissen heraus das Abitur zu machen.

Für den katholischen Gefängnisseelsorger Martin Schmid-Keimburg war das damals noch nicht verschulte Studium eine Zeit der Freiheit. Jetzt freut er sich auf die Freiheit, etwas aus dem absehbaren Ruhestand zu machen und im Schwarzwald eine Lebensgemeinschaft zu gründen. „Zwischen freier Meinungsäußerung und freier Beleidigung gibt es einen Unterschied“, unterstrich Untersteller. „Was in den sozialen Netzwerken abgeht, ist schon hart.“ Was ist mit Regeln wie dem Verbot der Glühbirne? Ohne dieses Verbot gebe es nicht in jedem Baumarkt LED-Lampen, antwortete der Minister. „Manchmal muss man die Gesellschaft zu ihrem Glück zwingen.“ Und Fahrverbote? „Ist es gerechtfertigt“, fragte Untersteller zurück, „dass der eine sich die Freiheit rausnimmt, die Luft zu verpesten, und der andere muss die Schadstoffe einatmen? Freiheit ohne Verantwortung gibt es nicht.“ Er hoffe noch immer, dass es ohne Fahrverbote gehe, aber wenn nicht, gebe es sie. „Dazu werden uns Gerichte zwingen.“

Versuche von außen, das Erscheinen eines Zeitungsartikels zu verhindern, habe sie in 19 Jahren als Redaktionsleiterin nie erlebt, sagte Anneliese Lieb zum Thema Pressefreiheit. Heirich bedauert, dass durch den Konzentrationsprozess bei der Presse die Meinungsvielfalt verloren gehe. Manchmal muss Freiheit von innen kommen. Das gilt im Gefängnis, einem Ort ohne jede Intimsphäre. Wer dort gegen die äußere Freiheit keine innere Freiheit entwickeln könne, sagte Schmid-Keimburg, der könne daran kaputtgehen.