Der musikalische Bogen war weit gespannt

Mit dem Konzert „Semper Reformanda“ schloss die Nürtinger Kantorei ihre Konzertreihe zum Reformationsjubiläum ab

© Jüptner

Die Nürtinger Kantorei und die Bayerische Kammerphilharmonie musizierten in der nahezu voll besetzten Laurentiuskirche

Autorin: Cornelia Krause

Zum Abschluss des Jubiläumsjahres „500 Jahre Reformation“ hatte die Kantorei der Stadtkirche Sankt Laurentius zu einem großen Konzert eingeladen. Da die Musik von jeher einen hohen Stellenwert bei der Reformation besaß, wurde an diesem Abend ein großer Bogen gespannt, für jedes der fünf Jahrhunderte wurde stellvertretend ein Werk ausgewählt und in der Laurentiuskirche musiziert.

Mit dem schlichten fünfstimmigen Choral „Nun bitten wir den heiligen Geist“ von Johann Walter (1496–1570) zeigte die Kantorei unter der Leitung von Bezirkskantor Michael Čulo gleich eindrucksvoll ihre stimmlichen Qualitäten. Mit deutlicher Artikulation, sauberer Intonation und einem wunderbar homogenen Gesamtklang beeindruckte der große Chor auch bei der folgenden „Litania“ von Heinrich Schütz (1585–1672). Diese eindringlichen Fürbitten, vom Chor im Wechselgesang mit der Sopranistin Andrea Lauren Brown vorgetragen, faszinieren durch ihre – auch nach fünfhundert Jahren – unglaubliche Aktualität. In jedem Gottesdienst unserer Tage werden noch dieselben Bitten erhoben.

Johann Sebastian Bachs Kantate „Ein feste Burg ist unser Gott“ ist das Werk, das heute am engsten mit der Reformation verknüpft ist. Schön herausgearbeitet war in der Fuge des Eingangschorals jede Stimme, „der alte böse Feind, mit Ernst er’s itzt meint“ konnte einem Schauer über den Rücken jagen.

Das Orchester begleitete die Sänger aufmerksam und einfühlsam


Musikalisch einfühlsam und aufmerksam begleitet wurde die Kantorei den ganzen Abend von der Bayerischen Kammerphilharmonie. Das renommierte Orchester ließ sein Können besonders in der Begleitung der Soloarien aufblitzen. Die Oboe d’Amore verschmolz zur Einheit mit Andrea L. Browns wunderbar leichter, herrlicher Sopranstimme, die scheinbar mühelos das ganze Kirchenschiff ausfüllte. Die Streicher begleiteten den samtigen Bass Jens Hamanns niemals zu laut, aber immer präsent. Das Solistenquartett wurde vervollständigt durch die Altistin Annelie Sophie Müller, die im Duett mit dem Tenor Tilman Lichdi durch ihre warme Altstimme aufhorchen ließ.

Ohne Atempause drängte das Konzert durch die Jahrhunderte. Der letzte Akkord der Bachkantate war kaum verklungen, da begann bereits das Orchestervorspiel der Kantate „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ von Felix Mendelssohn Bartholdy. Mendelssohn war zwar ein großer Verehrer der Musik Bachs, doch lebte er in einer ganz anderen Zeit. Er ist ein Vertreter der Romantik, in der eine ganz andere Tonsprache herrschte als im Barock. Ein versiertes Orchester wie die Bayerische Kammerphilharmonie kann solche Klangunterschiede mühelos deutlich machen, doch gelang ihr dies am Sonntagabend erst nach etlichen Takten der Mendelssohn-Kantate. Sehr spröde war der Beginn, erst allmählich klangen die Streicher wärmer und voller und Vibrato veredelte den Ton. Sehr schön klangen die Sopranarie der „echten Freudenstunden“ und der prächtige jubelnde Schlusschoral.

Das kurze Werk „Wo Gott zuhaus nit gibt sein Gunst“ des evangelischen Kirchenmusikers Hugo Distler (1908–1942), lässt in seiner Harmonik schon die Klänge der neuen Zeit erahnen. Im Wechsel mit den Solisten trug der Chor die Verse vor und sorgte so für Lebendigkeit in dem schlichten, gottesfürchtigen Text.

Als Protagonist der heutigen Zeit erklang zum Schluss das dreiteilige Werk „Martinus“ des 1980 geborenen Komponisten und hiesigen Kantors Michael Čulo. Textlich geht es in der Kantate um die Lebensgeschichte des heiligen Martin, der seinen Mantel mit einem Bettler teilte, doch werden auch Texte von Martin Luther und Martin Luther King integriert. Erweitert wurde das Orchester durch Schlagwerk.

Čulos Musik klingt über weite Strecken sehr plastisch, er instrumentiert farbig, bisweilen werden schwebende, geradezu himmlische Klänge erzeugt. Passend zu den wunderbar ausgewählten Texten ist die Musik komponiert. Absolut überzeugend war Tilman Lichdi als Erzähler und Teufel, diabolisch begleitet von Schlagwerkgeklapper und stereotypen Streicherakkorden. Besondere Glanzpunkte setzten die beiden Meditationen des Knabensoprans, gesungen von Thomas Lipp, herausragend begleitet von Se-Mi Whang am Marimbafon. Thomas Lipp sang mit rührender Inbrunst die schwebenden, zarten Melodien und verschaffte den Zuhörern so Momente des Innehaltens.

Mehr Momente des Innehaltens hätte man sich bei diesem großartigen Konzertabend gewünscht. Die sehr unterschiedliche Musik aus den fünf Jahrhunderten war einfach zu schnell aneinandergehängt und nahm so den Zuhörern die Möglichkeit, das Gehörte wirklich in sich aufzunehmen.

Den fantastischen Leistungen der Solisten, des Chors und des Orchesters tut dies keinen Abbruch. Es war ein großartiges gemeinsames Musizieren und ein würdiger Abschluss der Konzerte zum Reformationsjubiläum.