„Das müsste es das ganze Jahr geben“

Letzter Tag der Vesperkirche in Nürtingen – den letzten Gong in dieser Saison durfte die achtjährige Sandy übernehmen. Foto: Dietrich

Am Sonntag war der letzte Tag der Nürtinger Vesperkirche – Veranstalter ziehen durchweg positive Bilanz

Nürtinger Zeitung - Peter Dietrich

 

Gab es in drei Wochen Vesperkirche Nürtingen irgendwelche Schwierigkeiten? Die Antwort von Diakonin Bärbel Greiler-Unrath war kurz, bündig und zufrieden: „Nö.“ Das sei in diesem Jahr eine rundum harmonische Vesperkirche gewesen.


Letzter Tag der Vesperkirche in Nürtingen – den letzten Gong in dieser Saison durfte die achtjährige Sandy übernehmen. Foto: Dietrich

Kurz und bündig lässt sich die Vesperkirche auch mit dem Seufzer eines jungen Mannes zusammenfassen: „Das müsste es das ganze Jahr über geben.“ Ein anderer Besucher nahm das diesjährige Ende gelassen und verwies auf den Tagestreff, den er in den höchsten Tönen lobte.

Die Nachfrage in der Vesperkirche sei etwa wie im Vorjahr gewesen, sagt Bärbel Greiler-Unrath, sie rechnete mit insgesamt 6000 bis 7000 Essen. Es musste gar nichts Exotisches sein, das zeigten die Reaktionen der Besucher: „Fleischküchle gehen immer, Spaghetti machen alle glücklich.“ Viele kommen jeden Tag, hat die Diakonin beobachtet. „Die Identifikation der Stammgäste mit ihrer Vesperkirche ist wahnsinnig groß. Das ersetzt das Wohnzimmer.“

Was die Evangelische Gesamtkirchengemeinde Nürtingen und den Kreisdiakonieverband Esslingen als Initiatoren freut: Der Generationenwechsel bei den Mitarbeitern ist gelungen. Bärbel Greiler-Unrath berichtet von 30 bis 40 Neuen, die sehr motiviert waren und es blieben: „Sie wollen wiederkommen im nächsten Jahr.“

Bei den Besuchern hat die Diakonin eine „sehr große Dankbarkeit“ ausgemacht. Sie war sich am letzten Tag sicher: „Es werden nachher Tränen fließen. Unter den Mitarbeitern wächst etwas in den drei Wochen. Der Montagmorgen ist hart.“

Bei den Lebensmitteln ging alles klar, nur das Apfelsaftschorle ging am vorletzten Tag aus. Der Tagestreff wird sich wohl über einige übrige Bananen – natürlich aus fairem Handel – freuen. Die zusätzlichen Angebote von Frisör bis Fußpfleger wurden gut angenommen, das gilt auch für das Kulturprogramm. Gut 80 Zuschauer vom kleinen Stöpsel bis zur Oma kamen zum Familienkino mit der Neuverfilmung von „Heidi“, überschaubare 20 Leute zum Brettspielabend. Der Abend mit der Bestsellerautorin Petra Durst-Benning erbrachte einen Erlös von 1800 Euro für die Vesperkirche, die sich zu einem erheblichen Teil aus Spenden finanzieren muss. Den kulturellen Abschluss am Sonntag bildete Jens Burggraf von Boogiestyle Entertainment. Er kommt seit Jahren gerne als Gast zur Vesperkirche und bedankte sich nun mit einer Tanznummer mit Kindern.

Im Gottesdienst zum Abschluss der Vesperkirche wurde die Gemeinde Ohrenzeuge eines gewagten, aber extrem gelungenen musikalischen Experiments. Wie klingt es, wenn mit einer Orgel, einem Saxofon und einer afrikanischen Trommel Johann Sebastian Bach und „O Happy Day“ – allerdings nacheinander, nicht gleichzeitig! – erklingen? Gigantisch gut. Vorausgesetzt, ein Saxofonspieler wie Harald Schneider, ein Trommler wie Marcel Nyam A Mbamba und eine Organistin wie Manuela Nyam-Häberle sind gemeinsam am Werk. Der Trommler hat seinen Spitznamen „Dr. Djembe“ verdient. Hoffentlich folgen der Premiere weitere Auftritte dieser Art.

Abschlusspredigt erinnerte an das Schicksal der Sinti und Roma

Die zarten Klänge passten zum ernsten Thema, der Gottesdienst erinnerte an die Verschleppung von Sinti und Roma von Baden-Württemberg nach Auschwitz vor 75 Jahren. Am 15. März 1943 verließ ein Deportations-Transport mit 233 Menschen Stuttgart. Eindrücklich erzählte Robert Reinhardt vom Landesverband Baden-Württemberg der Deutschen Sinti und Roma vom Schicksal einzelner Menschen, darunter Kinder aus Mulfingen. In Auschwitz wurden Kinder von den Nazis bei lebendigem Leib ins Feuer geworfen. Insgesamt haben die Nazis etwa 500 000 Sinti und Roma ermordet. „Wer sich nicht zu seiner Vergangenheit stellt“, warnte Robert Reinhardt, „läuft Gefahr, sie zu wiederholen.“

Die Predigt hielt Pfarrer Dr. Andreas Hoffmann-Richter, der landeskirchliche Beauftragte für die Zusammenarbeit mit Sinti und Roma in Baden-Württemberg. Er bezog das biblische Gebot, gegen seinen Nächsten kein falsches Zeugnis zu reden, besonders auf den Umgang mit Flüchtlingen und Minderheiten. „Wer die Ehre des Menschen angreift, der greift Gott an.“

Er mahnte, wo nötig den Mund aufzumachen, so wie ein früherer Heimleiter der Diakonie Stetten. Als der Ortspolizist für die Nazis ein Sinti-Mädchen abholen wollte, sagte dieser Heimleiter: „Nur über meine Leiche.“ Der Polizist, den der Heimleiter aus der Schule kannte, ließ den Abholbescheid verschwinden und wusste später von nichts. Das Mädchen überlebte.