Vorgezogene Renovierung des Turms

Mit der Einrüstung des Turms haben die umfangreichen Renovierungsarbeiten an der Versöhnungskirche bereits begonnen. Foto: Holzwarth

Nach den Umbaumaßnahmen soll die Versöhnungskirche in der Braike noch mehr zur Anlaufstelle für Jugendliche werden

Nürtinger Zeitung - Lutz Selle



Ziemlich genau vor fünf Jahren ist in der Braike der 50. Geburtstag der Versöhnungskirche gefeiert worden. Inzwischen gibt es erheblichen Renovierungsbedarf – mit Gesamtkosten von rund 1,4 Millionen Euro. Der Anteil, den die Kirchengemeinde selbst durch Spenden aufbringen muss, ist noch nicht komplett. Trotzdem haben die Arbeiten am Turm bereits begonnen.

Markus Frank, der seit dem Jahr 2007 als Pfarrer an der evangelischen Versöhnungskirche tätig ist, kommt sich in diesen Tagen vor, als hätte er einen ganz anderen Job. „Derzeit bin ich ein Fundraiser.“ Denn an der Finanzierung der Renovierungsarbeiten müssen sich die Kirchengemeindeglieder mit beteiligen. „Die Gemeinde vor Ort muss einen gewissen Anteil bringen, damit auch die Zuschüsse fließen“, weiß Markus Frank. Die Versöhnungskirche dürfe keine Schulden aufnehmen, müsse jedoch einen Eigenanteil in Höhe von 165 000 Euro stemmen. „Das hat auch seine Richtigkeit. Denn wenn sich die Leute vor Ort nicht mit der Kirche vor Ort identifizieren und beweisen, dass sie ihnen etwas wert ist, dann läuft die Renovierung doch ins Leere.“

Seit dem Jahr 2013 habe die Kirchengemeinde bis jetzt gut 120 000 Euro gesammelt – und das mit verschiedenen Aktionen. So wird unter anderem eine Turmpatenschaft angeboten. Die Übernahme einer Patenschaft für einen Quadratmeter des Turmes kostet 400 Euro. Es kann aber auch bereits eine Patenschaft für einen Viertelquadratmeter übernommen werden. Die Spendernamen werden auf einer Tafel mit dem Modell des Turms im Innenhof eingraviert.

Für die Erneuerung der Küche, die vor allem für die Ferienlager (Fela) in den Sommerferien genutzt wird, hat sich die Kirchengemeinde bereits eine finanzielle Unterstützung durch die Weihnachtsaktion „Licht der Hoffnung“ der Nürtinger/Wendlinger Zeitung gesichert.

Benefiz-Flohmarkt am Samstag soll Renovierungsgelder einbringen


Auch ein großer Benefiz-Flohmarkt an diesem Samstag, 5. Mai, von 10 bis 16 Uhr auf dem Gelände der Versöhnungskirche soll Gelder für die Renovierungsarbeiten einbringen – über die Tischmieten, Wurst- und Kuchenverkauf sowie über gespendete Artikel.

„Die bisher erreichten 120 000 Euro sind eine gute Teamleistung. Ich gehe davon aus, dass wir den Rest auch noch schaffen“, sagt der Nürtinger Pfarrer. Über 400 der insgesamt 1500 Gemeindeglieder hätten sich bislang an den Spenden beteiligt. Der größte Teil der Renovierungskosten wird von der Gesamtkirchengemeinde und durch Zuschüsse der Landeskirche finanziert.

Dass an den geplanten Arbeiten kein Weg vorbeigeht, macht der ausführende Architekt Daniel Keller klar: „Wir haben einen massiven Sanierungsstau, der abgebaut werden muss. Wir müssen investieren, damit auch in der Zukunft kirchliches Leben in der Braike stattfinden kann.“ Der Brandschutz stehe dabei im Vordergrund. Zu den Baumaßnahmen zählen neben dem Turm und der Küche die Wasser-, Abwasser- und elektrischen Leitungen, die behindertengerechte Erschließung mitsamt Toilette, die Außenanlagen sowie sichere Fluchtwege. Ein barrierefreier Zugang für Rollstühle wird an der Ostseite des Gebäudeensembles angelegt. Saniert werden der Kirchenraum, der Gemeindesaal-Bereich und die bisherige Mesnerwohnung, die aufgegeben wird, um Platz für die Jugendarbeit und andere Veranstaltungen zu schaffen. Die Sanierung der Pfarrerwohnung werde dagegen noch aufgeschoben, bis der nächste Pfarrerwechsel ansteht, verrät Keller. Ansonsten seien die Arbeiten am minimalen Bedarf orientiert, der sein muss. Er stehe auch in regelmäßigem Kontakt mit einem der Architekten Weinbrenner, Kuby und Rehm, die die Versöhnungskirche im Jahr 1960 entworfen und geplant hatten, verrät Keller. Mit ihm stimme er seine Sanierungspläne ab.

Die Renovierung des Turms wurde vorgezogen und hat daher bereits begonnen. Alle anderen Arbeiten werden hingegen erst nach dem Sommerferien-Fela beginnen. Schließlich werde „das Haus beim Fela noch einmal intensiv genutzt“, erklärt Pfarrer Frank. Wenn die Planungen aufgehen, sollen die Arbeiten dann rechtzeitig vor dem nächsten Ferienlager im Sommer 2019 abgeschlossen sein. Schon jetzt gehen indes die Prognosen von einer Kostensteigerung aus. Aus den ursprünglich erwarteten 1,16 Millionen sind bereits 1,4 Millionen Euro geworden. Allein beim Handwerkerlohn hätten sich die Kosten um 20 Prozent erhöht, weiß Markus Frank. „Wir haben aber bereits einen Plan B mit kleinerem Umfang in der Schublade, wenn sich nicht alles verwirklichen lassen sollte.“

Den Umbau nutzt der Pfarrer, um die Versöhnungskirche zugleich zu einem Jugendzentrum unter dem Motto „Junge Kirche“ auszubauen. „Das wird aus einem anderen Topf finanziert“, erklärt Frank. Der Kirchenraum wird dafür mit Leinwand und Beamer, neuer Lichttechnik, neuer Bestuhlung sowie einer Theke ausgestattet. Der Thekeneinbau entspreche den Wünschen der jüngeren Generation, weiß Architekt Daniel Keller. Dort könnten sich in der Zukunft auch die Besucher der regulären Gottesdienste einen Kaffee holen. „Die Räumlichkeiten müssen sich auch dem Zeitgeist anpassen“, findet Markus Frank. „Die Kirche kann nicht immer nur das Gleiche wiederholen, wenn es nicht mehr den Nerv der Zeit trifft.“ Eine neue zusätzliche Zielgruppe sind die 16- bis 30-Jährigen. „Die Kirche sollte nah bei allen Menschen sein – von Jung bis Alt – und einen Ort der Geborgenheit und der Heimat bieten“, findet Markus Frank.

Mehr Raum für Jugendarbeit – nicht nur für die kirchliche

Auch durch die Aufgabe der Mesnerwohnung soll die Jugendarbeit mehr Raum gewinnen – nicht nur die kirchliche. „Ich bin mit der Schule, der Stadt und dem Stadtjugendring im Gespräch für Kooperationen“, erklärt der Pfarrer. Beispielsweise für die Kernzeitbetreuung der Schule könnte er sich das Bereitstellen der Räume vorstellen. Aber auch für kulturelle Veranstaltungen, Konzerte, Chorproben, Seminare oder Workshops könnten die Kirchenräume vermietet werden. „Wir freuen uns, wenn die Menschen zur Versöhnungskirche kommen – ob Mitglied oder nicht.“

Auch Architekt Daniel Keller begrüßt das Konzept der Jungen Kirche: „Wir investieren, damit die Kirche auch für die Zukunft attraktiv bleibt.“ Auch den Einbau einer Theke im Kirchenraum sieht er positiv: „Das könnte eine Anlaufstelle werden, wo man sich trifft.“ Und falls sich die Theke nicht bewähren sollte, wäre es auch nicht so tragisch. „Der Kirchenraum wird nicht umgebaut. Die Theke ist nur ein Möbelstück, das sich notfalls auch wieder herausnehmen lässt.“