Ein ganz besonderes Fest

Festlich geschmückt war der Aufenthaltsraum im Kroatenhof für die Gäste, die zur Weihnachtsfeier kamen. Foto: sg

Im Kroatenhof feierten an Heiligabend 71 Menschen gemeinsam Weihnachten – Predigt für mehr Frieden auf der Welt

Rose Püschel, Rosemarie Petsch und Angelika Rieger (von links) begleiteten die Sänger der Weihnachtslieder auf ihren Blockflöten.

Nürtinger Zeitung - Sylvia Gierlichs

 

Den Heiligabend alleine verbringen? – in Nürtingen muss dies nicht sein. Bei der Einsamenweihnacht, in diesem Jahr im Kroatenhof, gibt es nicht nur immer ein Festmahl. Gekocht von fleißigen Frauen und Männern. Ehrenamtlich versteht sich. Sondern man findet auch immer interessante Gesprächspartner und Zuhörer.

71 Menschen fanden sich am Sonntagabend im Kroatenhof ein. Bewohner der Seniorenwohnanlage, Menschen, die sich vom Tagestreff kennen, aber auch Menschen, die mit beiden Beinen im Berufsleben stehen, an Heiligabend aber dennoch niemanden haben, mit dem sie feiern können. Oder wollen.

71 Menschen, die sich das liebevoll zubereitete Essen, bestehend aus Salzkartoffeln, Rindsroulade und buntem Gemüse und einem frischen Quarknachtisch, munden ließen. Gekocht wie bei Muttern. Da kommt nichts aus der Packung, alles ist frisch gekocht. „Wir haben am Samstag bis 8 Uhr abends Gemüse geschnippelt“, erzählt Christine Speidel lachend. Sie ist zum ersten Mal beim Helferteam dabei. Und traf auf ein eingespieltes Team, dem Pfarrerin Evelyn Helle, ihr Gatte Thomas Freitag, Angelika Rieger, Rose und Helmut Püschel, Edith Ziegler und ihr Sohn Tillmann und Rosemarie Petsch angehören. Schnippeln, kochen, den Tisch decken, servieren, abräumen, Geschirr spülen, aufräumen – und das alles an Heiligabend. An dem Abend, den andere ganz und gar der Familie widmen. Das verdient Hochachtung. Und die wurde den neun fleißigen Organisatoren denn auch von ihren Gästen entgegengebracht.

Beispielsweise von einer Dame aus Frickenhausen. Sie kam mit ihrer Tochter und einem Bekannten aus Sachsen, der gerade zu Besuch ist, zur Weihnachtsfeier in den Kroatenhof. Auch sie stammt ursprünglich aus Sachsen. Aus Delitzsch. Hat in Görlitz Betriebswirtschaft studiert. Kam der Liebe wegen nach Baden-Württemberg. Und blieb. Obwohl die Liebe nicht hielt. Der Neckar hat es ihr angetan. „Ich fotografiere ihn immer wieder, bei Hoch- und bei Niedrigwasser und auch, als er letztes Jahr vereist war“, erzählt sie. Mit einer Aufnahme des vereisten Uracher Wasserfalls kam sie sogar schon ins Fernsehen. Ihr Bekannter, der derzeit zu Besuch ist, kommt ursprünglich aus Breslau. Er war Binnenschiffer, befuhr die Oder, die Havel, den Mittellandkanal. „Aber ich war, noch zu Zeiten des Sozialismus, auch schon in Hamburg. Das war ein Privileg und meine Kollegen waren damals erstaunt darüber, dass ich wieder zurückkam“, sagte er schmunzelnd. Heute arbeitet er am Leipziger Flughafen bei einem großen Paketzusteller. Nicht immer unterwegs zu sein, sagt er, sei auch ganz schön.

Nach dem Essen wurde es im Kroatenhof noch einmal so richtig weihnachtlich. Helmut Püschel erzählte die Weihnachtsgeschichte. Tillmann Ziegler trug ein Gedicht vor. Und es wurde gesungen. Besonders schön war das Ratespiel, bei dem Rose Püschel mit der Blockflöte ein Weihnachtslied intonierte, das erraten werden sollte. „Leise rieselt der Schnee“, „O Tannenbaum“ oder „Ihr Kinderlein kommet“ – es gab es kaum ein Lied, in das die Gäste nicht schon nach den ersten Takten einfielen. Ein wahrlich stimmungsvolles Weihnachtsfest für all jene, die Weihnachten nicht mit einem Stapel DVDs vor dem Fernseher, sondern lieber in einer temporären Gemeinschaft verbringen wollen.

Von Hoffnung, von der großen Sehnsucht nach Frieden in einer Welt des Unfriedens handelte die Predigt von Dekan Michael Waldmann, der den Gottesdienst in der St.-Laurentius-Kirche leitete. Der Weg zum Frieden, so Waldmann, sei ein Kind. Und ein Träger des Lichts solle es werden gegen das Finstere und Chaotische, das Menschen anrichten in der Welt. Doch Frieden sei kein Kinderspiel. Denn das Dunkel habe Beharrungskraft. „Wir als Kirche setzen auf gewaltlose Konfliktlösungsstrategien, auf vermehrte diplomatische Anstrengungen und auf einen wirklichen Ausbau ziviler Friedensdienste. Wenn das Kind den ,Frieden‘ bringt, dann sind wir Kirchen der festen Meinung: Von Christen sollte Frieden ausgehen“, so Waldmann. Ein wahrhaft frommer Wunsch in eher unfriedlichen Zeiten.