Früherer Nürtinger Dekan Theodor Dipper

Mutiger Einsatz für verfolgte Juden

 

Der evangelische Pfarrer Theodor Dipper beteiligt sich von

Reichenbach aus an der Organisation der Württembergischen Pfarrhauskette

Ein Beitrag von Jörg Thierfelder

Nur wenige Reichenbacher dürften damals gewusst haben, welch mutigen und riskanten Einsatz für verfolgte Juden ihr evangelischer Pfarrer, Theodor Dipper, im Zweiten Weltkrieg gewagt hat.  

Als nämlich ab 1941 die Nazis begannen, die noch in Deutschland lebenden Juden nach Osten in den fast sicheren Tod zu deportieren, tauchten zahlreiche Juden unter. Besonders viele solcher "Taucher" gab es in Berlin.

Manche von ihnen versuchten aus Berlin wegzukommen, um irgendwo anders einen Unterschlupf zu finden. Das Ehepaar Max und Karoline Krakauer kam 1943 nach Württemberg. Sie wurden durch 40 Pfarrhäuser geschleust und gelangten 1945 unversehrt in Freiheit.

Einer der entscheidenden Organisatoren der "Württembergischen Pfarrhauskette" war Theodor Dipper. Seine Frau und er nahmen ab 21. Dezember 1944 Max und Karoline Krakauer für mehrere Wochen im Reichenbacher Pfarrhaus auf. Dipper bemühte sich auch um weitere Quartiere für die Flüchtlinge. Über 40 Pfarrhäuser wurden von 1943 bis 1945 Zufluchtsorte für die Krakauers. Neben Krakauers waren es noch nachweislich mehr als zehn weitere jüdische Flüchtlinge, die in schwäbischen Pfarrhäusern untergebracht wurden. Ein gefährliches Unterfangen, denn auf das Verstecken von Flüchtlingen standen hohe Strafen. Doch die Gemeinden hielten dicht, auch die Reichenbacher.

Theodor Dipper war 1938 evangelischer Pfarrer in Reichenbach geworden. Er war seit 1934 Mitglied der Bekennenden Kirche, die sich gegen die staatshörigen Deutschen Christen zur Wehr setzten. Mit anderen zusammen gründete er die Bekenntnisgemeinschaft, in der sich die Bekenntnispfarrer sammelten. Dipper leitete bis 1938 den landesweit operierenden Evangelischen Gemeindedienst, der z.B. mit Vorträgen und Freizeiten die Gemeindearbeit fördern wollte.

Bald geriet Theodor Dipper in das Visier der Gestapo. Weil er kritische Vorträge über den NS-Chefideologen Alfred Rosenberg hielt, erhielt er Redeverbot. Der Oberkirchenrat konnte keine Rücknahme des Verbots erreichen. So wurde Dipper als Pfarrer nach Reichenbach versetzt. Nur dort durfte er predigen. Lieber wäre ihm gewesen, wenn der Oberkirchenrat ihn beim Gemeindedienst belassen hätte. Dipper wäre durchaus bereit gewesen, die Folgen eines Widerstands gegen die polizeiliche Anordnung zu tragen.

Theodor Dipper hatte es nicht ganz einfach in Reichenbach. Im Vergleich zu seinem leutseligen Vorgänger, wirkte er, der bekenntnistreue Pfarrer und hervorragende Theologe, etwas streng. Er brachte, wie sich zeigen sollte, auch Unruhe in die Gemeinde. Theodor Dipper fand in der Gemeinde mehrere Gruppen, auf die er sich bei seiner Arbeit besonders stützen konnte, unter anderem den Kinderkirch-Helferkreis und einen Kreis von engagierten Frauen. Die Doppelbelastung als Leiter der Bekenntnisgemeinschaft und als Pfarrer beanspruchte ihn sehr. Mehr noch kostete der Kleinkrieg mit der örtlichen NSDAP viel Kraft. Auch in Reichenbach bestürmten die Nazis die Eltern 1938, ihre Kinder vom Religionsunterricht abzumelden und sie stattdessen beim NS-Weltanschauungsunterricht anzumelden. Sie hatten allerdings keine großen Erfolge zu verbuchen, weil Dipper sich stark für den Religionsunterricht einsetzte. Im Juni 1939 gingen nur sieben Reichenbacher Kinder in den Weltanschauungsunterricht.

Theodor Dipper unterstützte Menschen, die gegen die Nazis opponierten. So nahm er 1938 Emma Schwille aus Neckartenzlingen als Gemeindehelferin in Reichenbach auf, nachdem diese ihren Posten bei der Kreissparkasse in Neckartenzlingen verloren hatte. Sie hatte - wie Dipper auch - bei einer Volksabstimmung 1938, in der Hitler ein Ja zu seiner Politik haben wollte, mit Nein gestimmt. Weil Dipper sich darüber hinaus um weitere Menschen kümmerte, die wegen ihrer Neinstimme berufliche Nachteile davontrugen, wurde er verhaftet und für knapp drei Wochen ins KZ Welzheim gebracht. In Reichenbach gab es nun manche Gemeindeglieder, die sich von ihm distanzierten. Doch der Kirchengemeinderat hielt zu ihm.

Theodor Dipper wurde nach dem Krieg Dekan in Nürtingen und 1959 in Ludwigsburg. Kurz nach Antritt seines Ruhestands verstarb er 1969. Im Jahr 2003, seinem 100.Geburtstag, setzte Reichenbach dem mutigen Pfarrer ein Denkmal, indem die Gemeinde den Platz vor der Reichenbacher Mauritiuskirche in Theodor-Dipper-Platz umbenannte.

Jörg ThierfelderJörg

Thierfelder ist emeritierter Professor für Evangelische Theologie und Religionspädagogik. Er wurde 1938 in Stuttgart geboren und lebt heute in Denkendorf. Der promovierte Theologe war Studentenpfarrer in Esslingen und lehrte unter anderem an der Pädagogischen Hochschule Esslingen wie auch an der PH und der Universität Heidelberg. 1980 arbeitete er an der Ausstellung "Evangelische Kirche zwischen Kreuz und Hakenkreuz" im Berliner Reichstag mit. Zusammen mit Eberhard Röhm ist er Autor der Reihe "Juden – Christen –Deutsche", einer Gesamtdarstellung der Geschichte von Juden und Christen im Dritten Reich.