Geistliches Wort zum Ewigkeitssonntag von Pfarrerin Ina Mohns, Neckartailfingen

Zeit zum Trauern
Wir sitzen draußen und genießen den warmen Nachmittag. Susanne hält ihr Gesicht in die Sonne. „Meinetwegen könnte dieser Sommer noch eine Weile so                  weitergehen. So schön! – Dabei“, und sie stockt einen Moment, „fürchte ich diese ersten Septembertage immer ein wenig.“ Ich schaue sie fragend an. „Ich habe dir noch nie davon erzählt“, sagt sie. „So lange kennen wir uns ja noch nicht.
Es ist jetzt zwölf Jahre her. Da ist mein Bruder gestorben. Anfang September. Im Urlaub. In Spanien. Herzinfarkt. Ohne jede Vorankündigung. Er war noch nicht mal fünfzig. Hatte eine neue Freundin. Es war ihr erster gemeinsamer Urlaub. Wie ein böser Traum war das. Das Telefon klingelt – und auf einmal ist alles anders.
Weißt du, wir waren nicht besonders eng,
mein Bruder und ich. Wir hatten keinen Streit, aber jeder hatte einfach sein Leben. Wenn wir uns gesehen haben, war es schön.
Und auf einmal war er nicht mehr da.
Tot – ohne Abschied. Wie oft habe ich mich gefragt: Gab es vielleicht doch Vorzeichen? Ging es ihm schlechter als wir geahnt haben? Wären wir nur aufmerksamer gewesen! Wie war das, als wir uns das letzte Mal gesehen haben? Worüber haben wir geredet? So vieles hätte ich gerne noch gewusst, hätte ich ihn gerne noch gefragt.“
„Hattest du Leute zum Reden?“ „Ja, die hatte ich. Gott sei Dank! Kann sein, ich habe sie manchmal genervt. Ich habe ja immer das Gleiche erzählt. Von dem Abend, als die Nachricht kam. Und von früher. Was gut war. Was schwierig.
Aber ich war auch gerne allein in dieser Zeit. Manchmal haben Freunde gesagt: „Komm mit, du musst mal raus, auf andere Gedanken kommen.“ Sie haben es bestimmt gut gemeint. Aber mir war nicht danach. Lieber habe ich die Fotokiste aus dem Regal geholt und abendelang alte Bilder angeschaut. Von uns, als wir klein waren. Familienfeste. Kindergeburtstage. Schulanfang und Schlittenfahren. Teenager mit langen Mähnen. Im Zeltlager.
Manchmal war diese Kiste wie eine Schatztruhe. Manchmal musste ich weinen. Die Bilder haben Fragen aufgeworfen und Antworten gegeben. Haben weh getan. Und getröstet. Wie kostbar die Zeit ist, die wir zum Leben haben, habe ich oft gedacht.
Irgendwann war es gut und ich habe die Kiste wieder aufgeräumt. Da war es schon November. Am Ewigkeitssonntag waren wir im Gottesdienst. Sein Name wurde verlesen und eine Kerze für ihn angezündet.
Weißt du, es tut immer wieder weh. Der Schmerz geht nie ganz weg. Wichtig ist, dass er seinen Raum haben darf.“
Was Susanne erzählt hat, begleitet mich.
Verse aus der Bibel fallen mir ein.
Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit;
schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit. Gott hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in das Herz der Menschen gelegt.