„Gott schläft nie“ (Ronaldos Schwester)

Sie wissen schon, „der“ Ronaldo. Bis vor Kurzem bei Real Madrid, jetzt bei Juventus Turin. Mehrfacher Weltfußballer, Europameister, Millionär, Fußballspieler. Bei seinem ersten Auftritt für die neue Mannschaft in der Champions League bekam er zum ersten Mal in diesem Wettbewerb die rote Karte wegen Tätlichkeit. Erst noch deswegen Tränen vergossen, dann runter vom Platz. Manche meinten, die rote Karte sei unberechtigt gewesen. Eine seiner Schwestern verstieg sich sogar zur Annahme, man wolle ihren Bruder fertigmachen und äußerte, gleichsam als Drohung: Gott schläft nie – der dann wohl die Widersacher bestrafen würde.
Ja, der Fußballgott. Hat eine Menge zu tun. Führte früher einmal die Hand Maradonas, noch früher, 1954, verkörperte er sich in Toni Turek, der bravourös die Bälle Ungarns hielt. Ganz schön beschäftigt also und das könnte schon mal dazu führen, dass er sozusagen schläft, abwesend ist, fehlt. Und ihm das gar als Ungerechtigkeit ausgelegt wird.
Wir reden vom Fußballgott? Über Ronaldo, der sich gerade ohnehin mit Vorwürfen anderer Art auseinandersetzten muss? Und natürlich wissen wir, dass vom Himmel aus keiner den Ball führt, Schiedsrichterentscheidungen beeinflusst oder sich gar für unsere (Heimmannschafts)Interessen einspannen lässt. Wir reden von Gott!
Der nie schläft? Wie ist es mit den Momenten, in denen wir vergeblich auf Hilfe gewartet haben? Wo er sich nicht gezeigt hat? Als die Gebete scheinbar verhallten? Um wieviel mehr Erfahrungen damit könnten wir erzählen als Versäumnisse des angeblichen Fußballgottes! Augenblicke, in denen ein Arzt eine Diagnose aussprach, uns eine Nachricht ereilte. Momente, in denen aus unserer Souveränität plötzlich Ohnmacht wurde. Und diese Abschiede von anderen.
 Oberboihinger Konfis haben an einer Geschichte entdeckt, dass man Gott wohl manchmal aufwecken muss. Jesus schläft im Boot, die Jünger sind erfasst von der Angst vor dem aufgekommenen Sturm. Schließlich wecken sie ihn; die Bibel erzählt, wie er den Sturm stillt. Unsere Stürme – die enden oft nicht so schnell. Wir sollten trotzdem versuchen, ihn zu wecken. Um ihm gegenüber wenigsten unsere Angst in Worte zu fassen, unser Alleinsein zu teilen. Und dann zu merken: Er ist da, ganz wach, ganz nahe.
Lust das auszuprobieren? Zum Beispiel im Oberboihinger Männergottesdienst (auch für Frauen) mit Weißwurstfrühstück – morgen um 9.30 Uhr.

Hannes Gaiser, evang. Pfarrer, Oberboihingen, 58 Jahre (Männerpfarrer des Kirchenbezirks)