Schuljahresbeginn

Pfarrerin Muriel Sender

In meinem Urlaub besuchte ich eine Freundin in Norddeutschland. In die Zeit meines Besuches fiel auch das Gemeindefest des Dorfes, in dem meine Freundin Pfarrerin ist. Ich schlenderte durch den hübschen Dorfkern, holte mir eine Currywurst und ließ die heitere Atmosphäre auf mich wirken. Am Rand des Festes entdeckte ich den Stand der Kirchengemeinde. Man hatte einen großen Ballkorb aufgebaut. Meine Freundin war eifrig dabei, die Leute zum Mitmachen einzuladen. Was war das wohl für eine Aktion? Ich sah, wie einige Leute aus Zeitungspapier und Klebeband Bälle wickelten. Bälle, die mal mehr und mal weniger rund wurden. Manche schrieben noch etwas auf leeres Papier, bevor sie es zusammenknäulten. Dann stellten sie sich an eine aufgemalte Wurflinie und warfen ihren Ball in Richtung Korb. Meine Freundin entdeckte mich und kam grinsend auf mich zu: „Sorgenzielwurf – willste auch mal?“ Sorgenzielwurf?? „Du weißt doch, der Bibelvers, 1. Petrus 5,7“ ergänzte meine Freundin auf meinen fragenden Blick hin. „Alle Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch.“ Ach so. Seine Sorgen wegwerfen. Ganz praktisch. Clevere Idee. Ob das funktioniert? Ich reihte mich ein. Nach kurzem Überlegen fiel mir Einiges ein, was ich auf das leere Papier schreiben würde: Ferienende, die Schule geht wieder los, viele Verpflichtungen. To-do-Listen machen, Urlaubswäsche waschen, Familie und Arbeit unter einen Hut bekommen, liegengebliebene Überweisungen usw. Ich knäulte Alles zusammen und umwickelte es mit Zeitungspapier. Mit einem Auge sah ich einige Schlagzeilen der Zeitungsseite, die ich gegriffen hatte: Alltagsrassismus: Rassismus im täglichen Leben. Dürre in Deutschland: Die Auswirkungen der Rekord-Trockenheit. Auch nicht gerade wenig Grund, sich Sorgen zu machen. Dann nahm ich das Klebeband und bastelte meinen persönlichen Sorgen-Ball zu Ende. Er wurde einigermaßen rund. Ich stellte mich an die Wurflinie und zielte. Erst jetzt sah ich, dass auf dem Brett hinter dem Korb in großen Buchstaben GOTTVERTRAUEN stand. Ich traf. Ein gutes Gefühl. Wenn man seine Sorgen wegwirft, muss man sie schon nicht festhalten. Im Urlaub gelingt das ja manchmal ganz gut, die Sorgen über Bord zu werfen. Aber was tun gegen ihr Wiederkommen, wenn der Urlaub vorbei ist? Für diese Unsicherheit im Neuanfang gibt es Gottes Zusicherung. Alle Sorge werft auf ihn. Nicht Hauptsache weit weg, sondern zielgerichtet. Denn er sorgt für euch. Heitere Gewissheit gegen bange Bedenken. „Tolle Idee“, rufe ich meiner Freundin zu und nehme mir vor, nach meinem Urlaub jeden Morgen innerlich einen Sorgenzielwurf zu machen. Vielleicht klappt das ja auch.  

Muriel Sender, ev. Pfarrerin (Pfarrerin zur Dienstaushilfe beim Dekan)