Vor dem Morgengrauen / Innan gryningen

Prunkvoll und erhaben, so stell ich mir die Ankunft eines Königs vor. In einer goldenen Kutsche kommt er vorgefahren. Eine Menschenmenge jubelt und schwingt Fahnen. Alles glänzt und strahlt. Und auch vor dem Palast ist alles vorbereitet für den großen Moment. Banner und Plakate verkündigen die frohe Botschaft. Straßenhändler verkaufen Fanartikel, Mützen und T-Shirts mit seinem Namen. Doch dann, so hätte ich es gerne, kommt alles anders. Der König hat längst den Eingang für die Bediensteten genommen. Oder noch besser: er ist überhaupt nicht im Palast, sondern in einem ganz anderen Viertel der Stadt. In einer Gegend, in der ihn niemand erwarten würde. Bei den Menschen, vor denen ihn seine Berater gewarnt hatten: „Sie sind kein guter Umgang für einen König!“ Doch dieser König, er hält sich einfach nicht daran.

Wir glaubten, du wärst brauchbar, zu verkaufen,
wir trugen deinen Namen vor uns her.
Wir bauten Kathedralen hoch gen Himmel,
doch immer wieder stiegst du niedriger.

Es sind Zeilen aus einem Lied, das die Schwedische Kirche zum letzten Jahrtausendwechsel in Auftrag gegeben hatte. Die Worte aus dem Lied passen gut dazu, wie ich mir diesen König vorstelle. Und sie passen zum Advent; zu den Tagen, an denen wir selbst auf die Ankunft eines Königs warten.
Ein König wird erwartet, ein Gottessohn. Doch ist es nicht die goldene Kutsche, mit der er angefahren kommt. Dieser König, der Sohn Gottes, er kommt so auf die Erde wie wir: nackt, schutzlos und fremd. Er kommt zu uns dorthin, wo wir wirklich sind: hinter unsere Schutzmauern und Fassaden. Er kommt zu uns und unseren Ängsten, zu unseren Abgründen und Sehnsüchten.

Du bist das vergess’ne Lied des Lebens,
Die Wahrheit, von mir täglich widerlegt.
Ich betrüg mich selbst, verbarg den Spiegel,
der deinen Abgrund, deine Züge trägt.

Die Reise zum Stall, sie ist auch eine Reise zu uns: eine Begegnung mit unserem Innersten. Was ist uns wichtig? Worauf kommt es uns im Leben an? In der Ankunft des Gottessohnes erinnert uns Gott an diese Fragen. Und so möchte ich diesem König heute am 3. Advent entgegenrufen mit der letzten Strophe dieses schwedischen Liedes:

Komm näher, bleibe bei mir, denn es dunkelt,
kann sein, daß wir das Licht noch einmal schau’n.
Dein Leben wird mich trag’n; ich hör die Amsel,
sie singt die Stunde vor dem Morgengrau’n.

Ihr Pfarrer Jakob Kempendorf