„Wir haben seinen Stern gesehen!“

Mexiko 1996. Mein Mann und ich reisen mit Rucksäcken per Bus und Bahn durchs Land. Wie so oft hilft uns der „Lonely planet“-Reiseführer auch in der Gegend von Chihuahua, eine gemütliche kleine Pension zu finden. Als wir am Abend noch einmal vor die Tür treten, glauben wir, zu träumen: Am Himmel steht mit ruhiger Selbstverständlichkeit ein großer Komet. Zu unserer Freude wird er uns die folgenden Abende und Nächte in die Gegend der Tarahumara-Indianer begleiten.
2000 Jahre zuvor zieht so eine faszinierende Himmelserscheinung schon einmal ruhig ihre Bahn, dem Himmel zugehörig, außergewöhnlich lebendig und besonders. Wohin zieht der Komet? Gibt es einen Ort, an dem er einmal ankommen wird – weit hinter unserem Horizont?
Im zweiten Kapitel des Matthäus-Evangeliums suchen die Heiligen Drei Könige – noch als „Magier aus dem Osten“ – nach dem „neugeborenen König der Juden“. Ein außergewöhnlicher König wird das Ziel dieser außergewöhnlichen Himmelserscheinung sein, glauben sie.
In früheren Zeiten hatten noch nicht alle Fragen ihre nüchterne Antwort gefunden, es gab mehr Raum für Geheimnisse und Rätsel. Der unendliche, unfassbare Himmel bezeichnete hier das Besondere: Der Stern eines neuen Königs strahlt auf. Ein König aller Könige betritt die Bühne der Welt. Ihn suchen die „Sterndeuter“, wie der Chor in J. S. Bachs Weihnachtsoratorium in aufsteigender, aufblühender Freude singt: „Wir haben seinen Stern gesehen im Morgenlande, und sind kommen, ihn anzubeten.“  
Was sie gefunden haben, wurde Ursprung großer Freude, unzählige Male gefeiert und in strahlend schöner Festmusik aufgeführt. Der Stern führt die Weisen zum Inbegriff des Neuanfangs: einem neugeborenen Kind, verbunden mit dem Himmel, verwurzelt im Stammbaum des jüdischen Königs David. Sie horchen auf, die Weitsichtigen, Hellhörigen unter den Völkern der Welt, und machen sich auf, wie der Psalm 72 die Pilgerfahrt der Völker besingt: „Die Könige von Tarschisch und von den Inseln bringen Geschenke, die Könige von Saba und Seba kommen mit Gaben.“ Was ahnen die Könige an diesem Kind? Wovor neigen sie sich hoheitsvoll und mit großer Freude? Im Lauf der Jahrhunderte schauen die ersten Christen die „Magier“ aus dem Matthäusevangelium zusammen mit den „Königen der Völker“. Damit deuten sie die uralten Geschichten neu und erweitern ihren Blick – sie bringen den „neugeborenen König der Juden“ zusammen mit den Völkern in aller Welt: Ihre Könige sind es nun, die ihn willkommen heißen mit Gaben, die zum Beschenkten passen: Gold, das geziemende Geschenk für einen König, und Weihrauch, der im Tempel verwendet wurde. Dieser neue König war also auch im Tempel beheimatet, er erneuerte die Verbindung von Gott und Menschen. Die Heilpflanze Myrrhe war Geschenk für einen Arzt und Heiler. Der Chor im Weihnachtsoratorium gibt den Völkern eine Stimme: „Wo, wo, wo ist der neugeborene König der Juden?“ Die Alt-Arie gibt die Antwort: „Sucht ihn in meiner Brust, hier wohnt er, mir und ihm zur Lust. Wohl euch, die ihr dies Licht gesehen, es ist zu eurem Heil geschehen.“ Der heilsame Frieden dieses Königs will Jahr um Jahr neu entdeckt werden. Wir können uns darauf einstimmen und ihn in unserem Herzen mitnehmen, wenn die Bewährung seines Friedens im Alltag nun wieder ansteht – er gilt uns genauso wie selbstverständlich allen Völkern dieser Welt.
Pfarrerin Ulrike Schaich, Altdorf