Selbstverständlich!?

„Selbstverständlich helfe ich dir“, erklärt mir eine Freundin! „Meine Kinder nehmen alles viel zu selbstverständlich“, klagt eine Mutter. Selbstverständlich – das Wort löst gegensätzliche Gefühle aus. Ich freue mich, dass mir selbstverständlich geholfen wird. Die Mutter ist frustriert über alle Selbstverständlichkeiten, die von ihr erwartet werden. Selbstverständlich bedeutet, ich muss nicht erst nachfragen, es ist normal oder üblich. Wir machen uns wenig Gedanken darüber, dass wir täglich satt werden, dass wir sauberes Wasser haben, dass wir im Frieden leben und so vieles mehr. In vielen Gebieten der Welt ist das nicht so.
Udo Jürgens singt für einen frustrierten jungen Menschen und fragt: „Die Sonne auf deiner Haut, dass du dich satt essen kannst, dass du traurig warst und wieder lachst …  ist das nichts, ist das wirklich nichts? Hör' mir zu, meinst du nicht, du, es wär' endlich Zeit für ein wenig Dankbarkeit?“
Am Sonntag feiern wir Erntedank.  Dieses kulturelle und kirchliche Fest gibt es seit tausenden von Jahren auf der ganzen Welt. Auf  dem Cannstatter Wasen erinnert die Fruchtsäule daran, dass das Volksfest vom Ursprung her ein Erntedankfest ist. Der Klimawandel gefährdet Ernteerträge und lässt uns erkennen, dass eine gute Ernte nicht selbstverständlich ist. Das kann uns zur Dankbarkeit führen.
Dankbarkeit funktioniert nicht im luftleeren Raum. Wir brauchen ein Gegenüber, dem wir danken können. Unser Dank gilt den Bauern, die sich Jahr für Jahr um unsere Ernährung kümmern. Er gilt dem Wetter, das einigermaßen gut war für die Ernte. Wem können wir noch danken? Matthias Claudius dichtete 1783: „Wir pflügen, und wir streuen den Samen auf das Land,  doch Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand … es geht durch unsre Hände, kommt aber her von Gott. Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn, drum dankt ihm, dankt, und hofft auf ihn.“
Erntedank erinnert mich daran, dass es vieles gibt, das eben nicht selbstverständlich ist. Ich möchte dankbar sein und diesen Dank auch ausdrücken:
Danke sagen, wenn ein gutes Essen auf den Tisch steht.
„Danke“ - wenn mir jemand lächelnd die Tür aufhält.
Danke sagen für manches, was ich sonst für selbstverständlich genommen habe.
Wenn uns diese Art der Dankbarkeit zur Selbstverständlichkeit wird, leben wir jeden Tag „Erntedank“ und das Klima zwischen uns ist fruchtbar für gelingende Beziehungen.

Gisela Häberle
Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde
Nürtingen