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Liebe Leserin, lieber Leser!
Vor kurzem war ich mit einer Schulklasse auf dem Friedhof und die Kinder durften sich eine Zeitlang umzuschauen. Mir fiel auf, dass eine 10jährige ungewöhnlich lange vor einem Grab stand. Deshalb ging ich zu ihr hin – und blickte auf ein verwahrlostes Grab. Der Boden war mit Unkraut und halb verdorrtem Herbstlaub bedeckt. Auf dem Gesicht des Mädchens sah ich Mitleid, als sie mich fragte: „Warum sind hier keine schönen Blumen wie auf den anderen Gräbern? Warum sammelt keiner die Blätter auf? Hat man den Toten vergessen?“
Nach dem Tod vergessen zu sein – eine furchtbare Vorstellung für das Mädchen. Und ich denke, nicht nur für sie, sondern auch für die meisten von uns. Ich zumindest wünsche mir, dass meine Angehörigen nach meinem Tod um mich trauen und dass sie weiterhin von mir reden. Ich möchte nicht aus dem Herzen der Menschen verschwinden, die mir nahestehen.
Diese Gedanken gingen mir durch den Kopf, während ich überlegte, was ich antworten sollte. Mir fiel der Totensonntag ein, so heißt der morgige Sonntag. In vielen Gottesdiensten werden die Namen derer vorgelesen, die in diesem Jahr verstorben sind – als Zeichen, dass sie nicht vergessen sind und dass wir um sie trauern. In den Gottesdiensten wird aber nicht nur getrauert, sondern auch hoffnungsvoll nach vorne geblickt, denn Christen glauben: der Tod ist nicht das Ende, sondern es gibt ein Leben danach, ein ewiges Leben. Und deshalb wird der morgige Sonntag auch „Ewigkeitssonntag“ genannt.
Diese Hoffnung, dass es weitergeht, wollte ich dem Mädchen und den anderen Kindern, die inzwischen herbeigekommen waren, weitergeben. Und so sagte ich: „Selbst wenn andere Menschen uns vergessen – Jesus Christus vergisst uns nicht. Er ist bei uns, wenn wir sterben und er verspricht uns, dass wir nach dem Tod neues Leben bekommen. Wir leben dann mit ihm zusammen.“ Die Vorstellung, dass niemand von Jesus vergessen wird, gefiel den Kindern. Und einem Schüler fiel der Text aus Offenbarung 21 ein, den wir kurz davor gelesen hatten und er sagte: „Selbst wenn sich niemand um das Grab kümmert: Die verstorbenen Menschen haben es trotzdem besser als wir, in ihrem neuen Leben gibt es keine Schmerzen und nichts Böses mehr.“
Zum Schluss bat ein Kind: „Können wir eine Blume auf das Grab legen?“ Wir hatten extra Blumen für die Gräber ihrer Verwandten besorgt. Und so legten wir auch eine Blume auf das Grab des uns unbekannten Toten. Als Zeichen, dass er weder von den Menschen noch von Gott vergessen ist.

Pfarrerin Verena Reinmüller