Geistliches Wort für Karfreitag, den 19. April 2019

Liebe Leserin, lieber Leser,
in unserem Nachbarland Österreich ist eine
Diskussion über den Karfreitag als Feiertag
entbrannt. Bisher war dieser Tag für die
evangelischen, methodistischen und
altkatholischen Christen ein regulärer Feiertag.
Nun wurde vom Europäischen Gerichtshof
festgestellt, dass diese Regelung Menschen aus
anderen Kirchen und Religionen benachteiligt
und diese bisherige Regelung gegen EU-Recht
verstößt. Um dieses Urteil umzusetzen, schlägt
die Regierung nun vor, diese Bevorzugung
aufzuheben. Wer am Karfreitagmorgen
einen Gottesdienst besuchen wolle, müsse
künftig dafür Urlaub nehmen.
Was ist mir der Karfreitag wert? Was bedeutet
er für mich persönlich? Würde ich für einen
Gottesdienstbesuch einen Tag Urlaub nehmen?
Oder könnte ich auf ihn verzichten?
Ich denke, viele könnten auf ihn verzichten,
weil dieser Tag seine Bedeutung verloren hat.
Den gesetzlichen Feiertag lässt sich bei uns
aber jede und jeder gern schenken.
Dass der Name „Karfreitag“ von Klage und
Sorge kommt, also ein „Kummer-Freitag“ ist,
wird den meisten noch bekannt sein. Von
Anbeginn war dieser stille Feiertag in der
Christenheit ein Tag des Schreckens und der
Verzweiflung. Ein Aufschrei über das, wozu
Menschen fähig sind.
Und das werden alle verstehen können, dass
dieser Aufschrei uns heute noch viel öfter
wachrütteln müsste, bei all dem Elend, das
Menschen durch andere Menschen erfahren
müssen.
Doch von Ostern her bekam dieser Karfreitag
und Feiertag dann eine positive Bedeutung. Die
ersten Christen sahen hinter der
unmenschlichen Hinrichtung von Jesus seine
Liebe zu uns Menschen aufleuchten.
Sie besannen sich auf die Worte ihres
Meisters, der zu ihnen gesagt hatte:
„Der Menschensohn ist nicht gekommen, um
sich dienen zu lassen. Im Gegenteil:
Er ist gekommen, um anderen zu dienen und
sein Leben hinzugeben als Lösegeld für die
vielen Menschen. Niemand liebt mehr als einer,
der sein Leben für seine Freunde einsetzt.“
In diesem Feiertag bündeln sich also die
Erfahrungen, die mit der Gefährdung unseres
Daseins zu tun haben: mit Klage und Hoffnung,
Krise und Errettung, Schuld und Vergebung,
Trauer und Freude.
Ich finde, dass der Karfreitag mit dieser
Bedeutung noch lange für uns Christen und für
alle Menschen nötig sein wird, weil die
Gefährdungen unseres Lebens durch Unfälle
und Krankheiten, Versagen und Schuld,
Beziehungskrisen und Trennungen nicht
weniger, sondern mehr geworden sind.
Für mich ist diese Liebe Jesu zu uns Menschen
und für uns Menschen immer noch einen
ganzen stillen Feiertag wert. Größeres gibt es,
finde ich nicht, und tanzen kann man wieder an
Ostern.

Pfarrer Andreas Stiehler, Beuren