„Mariä Himmelfahrt?“

„Was sagt Ihnen das Fest „Mariä Himmelfahrt“?
„Ach, ist denn Maria auch in den Himmel aufgefahren? So wie Jesus? Das wusste ich gar nicht…“  
Nun ja, auch die biblischen Schriften wissen nichts von einer Himmelfahrt Mariens.

„Mariä Himmelfahrt“? Eigentlich ja „Aufnahme Mariens in den Himmel“ oder auch „Entschlafung Mariens“. Der Glaube, dass Maria, ein sterblicher Mensch, nach ihrem Tod direkt von Gott in den Himmel aufgenommen wurde, war so stark, dass im Jahr 1950 die überwältigende Mehrheit der Bischöfe der ganzen Welt Papst Pius XII grünes Licht gaben für die Verkündigung des Dogmas „von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel“. Seither ist dies verbindliche Glaubenslehre für alle Katholiken. Ich wurde erst ein paar Jahre später geboren und hatte mich lange Zeit nicht mit dieser Glaubenslehre auseinander gesetzt. Aber dann in Italien sah ich mich plötzlich mit diesem Festtag konfrontiert:„Ferragosto“, für die Italiener einer der höchsten Feiertage im Jahr. Ursprünglich von Kaiser Augustus als Siegesfeier über Marcus Antonius und Kleopatra gedacht, wurde der 15. August erst im 7.Jahrhundert zum "Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel". Doch warum durfte Maria nicht wie Normalsterbliche begraben worden sein? Die Spur führt zu den großen heidnischen Göttinnen: Maria sollte möglichst viele deren Attribute in sich vereinen, und dass die Mutter Gottes leiblich in den Himmel aufgenommen wurde, konnte die heidnisch geprägte Welt der ersten Jahrhunderte sicherlich beeindrucken. Für die meisten Menschen waren Gott und auch Jesus zu fern. Maria aber hatte selbst alles Menschliche erlitten. Eine Frau aus dem Volk, die es zu etwas gebracht hat. Von Königen und Päpsten in den Himmel gehoben, vom einfachen Volk verehrt und geliebt als Mutter, als Schwester, als Leidensgenossin…aber eben auch als Himmelskönigin.
Maria vielleicht auch als Projektion unserer Sehnsüchte? Unserer Wünsche und unserer Hoffnung?
„Fest der Entschlafung Mariens“ – ein schönes, ein tröstliches Bild: entschlafen und aufgenommen in einen Himmel, der nach frischen Kräutern duftet, nach Lavendel und Rosen, nach Lilien und Flieder? Kein Gedanke an dunkles Grab und Verwesung. Der 15. August liegt auf dem Höhepunkt des Sommers und traditionell findet an diesem Tag die Kräuterweihe in den Gottesdiensten statt. Und in ländlichen Gegenden heißt der Tag heute noch „Büschelfrauentag“ oder „Unser Frauen Würzweih“. Der Legende nach fanden die Apostel bei der Öffnung des Grabes der Gottesmutter darin Lilien und fruchtbare Gewächse und der Erde entströmte ein wundersamer Kräuterduft.

„Mariä Aufnahme in den Himmel“ - Wohlgerüche, Kräuterweihe, Rosen und Lilien – Fest der Sinne, des Sinnlichen. “Ferragosto“ der Italiener – damit kann ich mich durchaus anfreunden. Und muss man denn alles theologisch begründen können? Kein geringerer als Dr. Martin Luther predigte am 15. August 1522 :
„Man kann aus dem Evangelium nicht beweisen, dass Maria im Himmel ist. Ist auch nicht vonnöten, man muss nicht alles genau aussagen können, wie es mit den Heiligen im Himmel zugeht.“
Dem kann ich mich nur anschließen.

Sabina Brandenstein
Klinikseelsorgerin/Pastoralreferentin
Kirchheim u. Teck