Zum Palmsonntag

Ich habe keinen Namen. Nutztiere wie ich bekommen nur ein „Hü“ zu hören und haben dann bitteschön zu wissen, was zu tun ist. Sie wissen schon: Ich bin ein Esel im alten Palästina und möchte Ihnen von einem erstaunlichen Wiederfahrnis erzählen.
Ich stand dösend in der Mittagssonne vor meinem Stall. Jäh wurde ich aus meinem Nickerchen geweckt, als zwei wildfremde Männer mich kurzerhand losbanden und mitnahmen. Bald schon fand ich mich in einer ziemlich aufgeregten Gruppe von Leuten wieder. Während ich noch überlegte, was hier denn abging, zogen die ersten sich bereits die Obergewänder aus und legten sie mir auf den Rücken. Werde ich jetzt auch noch als Garderobenständer benutzt? Einem aus ihrer Mitte wurde nun feierlich auf meinen Rücken geholfen. Schon besser; lieber ein Reittier als ein Packesel! Wo soll es denn hingehen? Ich trabte einfach mal mit der Menge mit – wenn mich nicht alles täuschte, ging es geradewegs nach Jerusalem. Doch wie sonderbar: Die Menschen um mich her hackten Zweige von den Bäumen und streuten sie mir vor die Füße; wie Teppiche breiteten sie ihre Obergewänder vor meinen staubigen Hufen aus. Liebe Güte, das war mir wirklich noch nie passiert! Natürlich ging es hier nicht um mich, ich bin schließlich kein dummer Esel! Es ging um diesen Mann, der auf mir saß. Wer er wohl war? Da begannen auch schon die ersten Gesänge: „Hosianna dem Sohn Davids! Hosianna in der Höhe!“ Ja, da staunen Sie, dass ich das mit meinen haarigen Ohren verstehen konnte! Gesänge aus uralter Zeit, vorgesehen für den einen König, der einst im Namen Gottes kommen würde, den Messias, den Christus. „All unser Not zum End er bringt“ hieß es in einem dieser uralten Gesänge. Jaja, wenn Sie wüssten, was wir Esel uns von Generation zu Generation in unseren elenden Ställen zuraunen… Ich erschrak – fast wäre ich gestolpert: Sollte – ja, sollte dieser Augenblick jetzt tatsächlich gekommen sein?  Sollte ich den Christus da auf meinem Rücken tragen? Es konnte nicht anders sein: Die grünen Zweige, die Kleidung auf der Straße - eine wahrhaft königliche Inszenierung! Behutsam, fast andächtig trippelte ich weiter. Was für ein ungewohntes Gefühl unter meinen Hufen! Was für eine Ehre, was für eine Würde: Ich darf der Christusträger sein! Dass Christus sich ausgerechnet mich staubiges Grautier aussucht!
Ich hab’s mein Lebtag nicht fassen können, schon gar nicht, als ich noch am selben Tag abends wieder in meinem Stall stand und das Leben wieder seinen normalen Gang ging.  Sie denken: So etwas kann nur einem Esel passieren? Na, dann passen sie mal auf, vermutlich ist Jesus Christus Ihnen näher, als sie meinen…
Ich jedenfalls bin als „Palmesel“ in die Geschichte eingegangen; „Christusträger“ gefällt mir besser.
Mit herzlichen Grüßen zum Palmsonntag!
Ihr Christusträger

Pastor Johannes Hilliges
Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde