Mit Luther streiten

©Rahlenbeck

„Das ist Müll.“ – „Was für ein Blödsinn!“ – „Weg mit dem Sch…“ Solche Kommentare begegnen mir im Internet immer wieder. Seine Meinung sagen, ganz unverblümt, das geht doch so leicht. Viele scheinen diese Möglichkeit fast zu genießen. Es tut so gut, seine Kritik zu äußern! Alle können es lesen! Endlich ist es raus! Nur: Das Gesicht dazu sieht keiner.
Kritik geäußert und der Welt mitgeteilt, was ihm nicht passt – das hat auch Martin Luther getan. Vor etwas mehr als 500 Jahren schlug er seine kritischen Kommentare, die 95 Thesen, an ein Schwarzes Brett an seiner Universität in Wittenberg an. Heute am Reformationstag denken wir an diese Tat. Mir ist heute wichtig: Martin Luther hat nicht einfach „abgekotzt“, auch wenn seine Empörung groß war. Damals 1517 wollte er eine sachliche Diskussion über die Probleme seiner Kirche. Er hat besonnen formuliert. Er hat Argumente gehabt für das, was ihn überzeugt hat. Er hat sich öffentlicher Diskussion gestellt mit denen, die anderer Meinung waren.
Heute scheinen viele Diskussionen von vornherein mühsam, wenn nicht gar sinnlos, weil unsere Gesprächskultur schwach geworden ist. Ein Meinungsaustausch gerät schnell auf die persönliche Ebene. Keine Frage: In der Reformationszeit gab es sehr wohl polemische Auseinandersetzungen und Kommentare unter der Gürtellinie. Aber Martin Luther versuchte bei allem Streit, an der Sache dran zu bleiben. Er lebte wie wir in einer Zeit voller Umbrüche und Krisen.
Bei seinem Nachdenken über seine Kritik an der Kirche stieß er in der Bibel auf fundamentale Gewissheiten. Gottes Gnade ist ein Geschenk, das Menschen sich nicht verdienen können. Das bedeutet umgekehrt, dass jeder Mensch in Gottes Augen wertvoll und geschätzt ist. Diese Entdeckung hat die Kirche verändert. Und die Welt bis in unsere Zeit. In unserem Grundgesetz steht: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Wenn wir heute diskutieren, dürfen wir die Grundlagen unseres Zusammenlebens nicht aus dem Blick verlieren. Mich empört es, wenn Menschen ihrer Würde beraubt werden. Wenn wüste Kommentare im Internet Menschen und unsere Diskussionskultur kaputt machen. Wenn Menschen nicht in Würde leben können, weil sie in Armut abrutschen. Über die Probleme unserer Zeit müssen wir diskutieren – ganz sachlich.

Pfarrerin Anne Rahlenbeck