„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne…..“

Diese Zeile aus dem Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse kam mir in den Sinn als ich über den „Schulanfang“ nachdachte, den dies Geistliche Wort zum Thema hat.
Der Zauber gibt einem Ereignis, einem Menschen oder einem Gegenstand etwas anziehendes, reizvolles fast betörendes. Zauber ist aber auch verbunden mit der Empfindung, dass da etwas mir fremdes, ungewohntes ist….verbunden vielleicht mit der beängstigenden Frage, was denn dahinter steckt.
Diese Zwiespältigkeit der Anziehung einerseits und der Beängstigung andererseits spüren sicher viele, für die nun im Alltag die Schule wieder neu oder sogar erstmals beginnt.
Was bringt dieser neue Anfang? Wer wird mir begegnen? Welche Anforderungen kommen auf mich zu? Werde ich sie bewältigen? Freude und Angst vor der Herausforderung liegen dicht beieinander. Kinder, Jugendliche, Eltern und Lehrer werden diese Gefühle und Fragen haben….auch wenn sie das manchmal voneinander kaum glauben können und meinen, sie seien damit allein.
Ich glaube, es ist wichtig, dass wir uns vergegenwärtigen, dass es allen so gehen kann. Das fördert das Verständnis füreinander. Und dies wechselseitige Verständnis tut allen gut.
Fragt man SchülerInnen, worauf sie sich bei Schulbeginn am meisten freuen, so sind es in der Regel die MitschülerInnen in der Klasse. Die Beziehungen untereinander sind nicht nur in der Schule, sondern auch in der Familie oder am Arbeitsplatz prägend und entscheidend für das eigene Befinden: Sind die Beziehungen gut, wohlwollend und verständig, dann tragen sie durch schwierige Lern- und Arbeitsanforderungen. Sind die Beziehungen belastet und von Missgunst oder Mobbing geprägt, dann kann der normale Alltag zur Qual werden.
In der Psychologischen Beratungsarbeit erleben wir tagtäglich die Tragkraft guter Beziehungen und die zerstörerische Kraft der fehlenden oder schlechten Beziehung. Die Frage: „Wie geht es Dir“ kann Kräfte frei setzen, wenn sie von Menschen gestellt wird, die mir wirklich zugewandt und an meinem Erleben interessiert sind.
Schauen wir also nicht nur auf die Leistungsanforderung, das Genügen oder Ungenügen, den Erfolg oder den Misserfolg. Schauen wir auf unser Erleben und Befinden und stützen uns gegenseitig. So stärken sich Kinder, Jugendliche, Eltern und Lehrer, um mit den Herausforderungen des Neuanfangs und des nachfolgenden Alltags gut leben zu können.
Dann können Schwierigkeiten vielleicht auch in einem Geist angegangen werden, den Antoine de Saint Exupery in einer Art Gebet erbittet:
"Bewahre mich vor dem naiven Glauben, es müsse im Leben alles glatt gehen. Schenke mir die nüchterne Erkenntnis, dass Schwierigkeiten, Niederlagen, Misserfolge, Rückschläge eine selbstverständliche Zugabe zum Leben sind, durch die wir wachsen und reifen."

Alexander Wessel
Dipl. – Psychologe und Leitung der Psychologische Familien- und Lebensberatung Esslingen-Nürtingen des Caritasverbandes