Mit leichtem Gepäck

©Rieger

Silvester ist immer aufregend für mich. Ich weiß nicht so richtig warum. Ich bin aufgeregt, weil etwas Neues kommt. Obwohl ich doch weiß, dass vieles beim Alten bleiben wird. Es soll schön beginnen. Es soll Platz sein für neue Ideen und Vorhaben, für neue Erfahrungen und Begegnungen. Ich habe das Gefühl, wenn etwas Neues kommen soll, dann muss ich dafür Platz schaffen. Platzschaffen in meinen Gedanken, in meinem Herzen, in meiner Seele, aber auch in meiner Wohnung. Platz schaffen, das ist gar nicht so einfach. Da muss ich mich ja auch von etwas verabschieden und trennen. Loslassen. Das fällt mir nicht leicht. Gleichzeitig spüre ich aber auch, dass es gut tut. Es macht mich leichter. Es macht mich offener. Doch dann ist da auch erstmal eine gewisse Leere, Ungewissheit. Ich bin verführt, schnell wieder Pläne zu machen, damit das Neue gefüllt wird. Aber ich bremse mich. Nein, nicht gleich wieder vollstopfen, sondern den Freiraum genießen, achtsam damit umgehen, ihn schützen vor meinen eigenen Übergriffen und denen von anderen. Eintreten in dieses neue Jahr, in diesen neuen Zeitraum, in dem noch vieles offen sein darf, die Weite wahrnehmen. Neugierig sein, was auf mich zukommt. Ich spüre, dafür braucht es Vertrauen.
Die Zeit des Wechsels vom alten ins neue Jahr ist für mich deshalb so kostbar, weil ich mich in diesem Vertrauen üben kann und daraus der Mut entsteht, Vergangenes loszulassen, damit Neues Platz bekommen kann. Ein Lied hilft mir, mich in diesem Vertrauen zu üben. Es steht im Evangelischen Gesangbuch: „Vertraut den neuen Wegen, auf die uns Gott gesandt. Er selbst kommt uns entgegen. Die Zukunft ist sein Land.“ Ich kann vertrauen, weil ich vertrauen darf, dass Gott mit auf dem Weg ist.  
„Fürchte dich nicht“, hat der Engel an Weihnachten gesprochen. Diesen Zuspruch will ich mitnehmen ins neue Jahr. Er macht mir auch Mut, mich Herausforderungen und unangenehmen Situationen zu stellen. Und diese wird es geben: in meiner Familie, im Beruf, im gesellschaftlichen Zusammenleben.
Man muss das Leben vorwärts leben, verstehen kann man es nur rückwärts. Diese Erkenntnis des Theologen Søren Kierkegaard ermutigt mich, dem Neuen mit offenen Armen entgegen zu gehen und neugierig zu sein, was mir begegnet. Ich nehme mir vor, mit leichtem Gepäck zu gehen. So kann ich gespannt sein, was auf mich zukommt und mit Zuversicht jeden neuen Tag aus der Hand Gottes leben.

Schuldekanin Dorothee Moser