Vorabend des Zweiten Advent und Nikolaustages

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„Gibt es Nikolaus? Lena hat gesehen, wie ihre Mama Süßigkeiten in die Stiefel getan hat!“ Soll ich meinem Kind den Glauben an den Nikolaus nehmen? „Hast Du Sachen in meinen Stiefel getan?“ - ‹‹Nein, habe ich nicht.›› - „Hat Papa was reingetan?“ - ‹‹Das müssen wir ihn fragen. Schade, dass er nicht hier ist.›› Ein letzter Versuch: „Mama, glaubst du an den Nikolaus?“ - ‹‹Ja, mein Kind.›› Abschließend sagt sie: „Ich weiß, dass es den Nikolaus gibt!“

Was weiß ich über Nikolaus? Bischof in ‹‹Myra››, heute ‹‹Demre›› in der Türkei, eine Touristenattraktion. Drittes Jahrhundert. Seine Kirche wurde von Zaren renoviert. Orthodoxe Glaubensgeschwister halten ihn unter allen Heiligen besonders hoch. Über die Person des Nikolaus ist kaum etwas zu finden. Hinter Nikolaus stehen wohl zwei historische Persönlichkeiten, ein Bischof und ein Abt aus verschiedenen Jahrhunderten. Im Unwissen bleiben also die Legenden über die in aller Welt beliebte Figur. Was sagen sie mir?

Die Legende von der Mitgiftspende, wie Nikolaus drei junge Frauen vor einem Leben als Prostituierte mit dem Geschenk von Goldklumpen bewahrt, verweist uns an die nachkommende Generation. In der Pandemie trägt auch sie schwer an den notwendigen Beschränkungen. Dabei wird sie oft negativ dargestellt. Nichts als Party habe sie im Sinn. Verantwortungslos soll sie sein. Und sonst? Täuschen wir uns durch Schenkorgien etwa am Nikolaustag nicht darüber hinweg, was wir ihnen ansonsten vorenthalten, ihnen nehmen, ihnen schuldig bleiben: Unsere lärmempfindlichen Ohren schränken ihre Bewegungsfreiheit ein. Unser Flächenverbrauch für immer größeren Wohnraum und Parkplätze nimmt Kindern den Raum zum Spielen und verweist sie an entlegene Bolzplätze. Wer vermietet gern an Familien mit Kindern? Wir wollen ihnen auf Augenhöhe begegnen und ersparen uns die Mühe der Erziehung. Sind sie erwachsen, verpassen wir die Chance auf Augenhöhe. Unser Ressourcenverbrauch ist nicht auf Nachhaltigkeit angelegt. Wir leben bewusst auf Kosten der nachkommenden Generation! Speisen wir unsere Kinder deshalb mit Süßigkeiten ab?

Eine Gesellschaft, die so mit Kindern umgeht, hat auch an anderer Stelle Probleme. Deutlich wird das mit kritischen Blicken auf das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Verbot der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung aus dem Februar. Sterbehilfe. Ein Paradigmenwechsel scheint vollzogen. Mich wundert das nicht. Wir haben die Orientierung verloren. Auch das sagt mir Nikolaus, über dessen Person ich so wenig weiß.

Pfarrerin Senta Zürn