Ein ehrlicher Blick auf sich selbst

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„Was Sie mitbringen: Fähigkeit zur Selbstreflexion und Umsetzung von Feedback. Außerdem die Fähigkeit zur kritischen Überprüfung der eigenen Haltung.“

Wo Anforderungsprofile an Führungskräfte ehemals Stärke, Durchsetzungsvermögen, ja beinahe Ellbogenmentalität forderten, finden sich in aktuellen Stellenanzeigen immer häufiger Sätze wie oben. Ein gesundes Maß an Selbstkritik ist in der heutigen Arbeitswelt in Mode gekommen. Das hat auch Effizienzgründe: Nur wer sich Fehler eingesteht, kann an ihnen arbeiten.

Es ist gut, die eigene Fehlbarkeit nicht aus den Augen zu verlieren – nicht nur im Beruf. Auf Teufel komm raus auf meiner persönlichen Unbesiegbarkeit zu bestehen, verzerrt die Realität. Das ließ sich in den letzten Wochen bei der Präsidentschaftswahl in Amerika so eindrücklich beobachten, dass sich niemand ein besseres Beispiel hätte ausdenken können.

Die große Wertschätzung für einen ehrlichen Blick auf sich selbst war vor genau 503 Jahren und 18 Tagen das Thema von Martin Luthers 95 Thesen gegen den Ablasshandel; der Reformationstag liegt ja noch nicht weit zurück. Buße wurde diese Art der ehrlichen Selbstkritik damals genannt. Wer Buße tut, wer etwas büßt, der stellt sich den Konsequenzen seines Handelns, er übernimmt Verantwortung für sein Tun, er lässt sich – z. B. bei der Beichte – ehrliches Feedback zu seinem Leben geben. Als Martin Luther den Streit um den Ablasshandel mit der römischen Kirche begann, tat er es, um deutlich zu machen: Dieser ehrliche Blick eines Menschen auf sich selbst ist unverzichtbar. Die Buße sei zu wichtig für das Leben eines Christen, als dass sie durch Geldzahlungen ersetzt werden könnte. Jesus Christus wollte, dass das ganze Leben eines Gläubigen Buße sein soll, so lautete die erste These. Dass es im Kirchenjahr einen besonderen Tag der Buße – den Buß- und Bettag – gibt, verbietet die ehrlich selbstkritische Haltung an allen anderen Tagen nicht. Vielmehr soll uns dieser Tag an die heilsame Wirkung der Buße erinnern: Sie befreit aus den Illusionen und Lügen, in die uns der zutiefst menschliche Wunsch nach Unfehlbarkeit immer wieder drängt.

„Ich habe einen Fehler gemacht.“
So schwer geht dieser Satz von den Lippen, obwohl sein Inhalt für einen klugen Menschen ganz selbstverständlich sein müsste.

Pfarrer Sebastian Bugs