Frieden in der Krise

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„Umkehr zum Frieden“ lautet das Motto der Ökumenischen Friedensdekade, die vom 8. bis zum 18. November 2020 bundesweit begangenen wird. Die Coronakrise zeigt in besonderer Weise, wie wichtig eine Umkehr zum Frieden ist: Die Pandemie hat wie unter einem Brennglas soziale Ungleichheiten auf der Welt aufgezeigt. Arme Länder sind in besonderer Weise von der Katastrophe bedroht. Die internationale Zusammenarbeit - auch in Europa - ist schwieriger geworden. Grenzen wurden wieder geschlossen. Manche Länder haben nur sich selber im Blick. Innerhalb unserer Gesellschaft nehmen Verwerfungen zu. Im häuslichen Umfeld erleben wir, dass anhaltende Entbehrungen und ein eingeschränkter Bewegungsradius Spannungen und Kontroversen befeuern. Frieden in der Krise: Corona und die Folgen stellen für uns eine immense Herausforderung dar – und zwar für uns als gesamte Menschheit. Absurd erscheinen angesichts dieser gemeinsamen Aufgabe die vielen Kriege und gewaltsamen Auseinandersetzungen auf dieser Welt.

Umso wichtiger, dass durch Aktionen wie die Friedensdekade das Thema Frieden durch all die Infektionszahlen und düsteren Zukunftsszenarien hindurch bewusst gemacht wird. Seit 40 Jahren gibt es nun diese bundesweite Aktion, genauso lange finden auch die Nürtinger Eine-Welt-Tage und Friedenswochen statt. Jedes Jahr geht es von Ende Oktober bis Ende November darum, hier vor Ort Friedensthemen zu beleuchten, sich zu informieren, zu diskutieren und zu überlegen, was wir selbst aktiv dazu beitragen können, damit es hier auf diesem Planeten friedlicher zugeht.

Was ist das denn überhaupt – Frieden? Ist es einfach nur das Nichtvorhandensein von Gewalt, Krieg und Twist? Aus eigener Erfahrung wissen wir: Zu einem guten Miteinander gehört mehr, als dass wir nicht miteinander streiten.

Frieden im biblischen Sinne bedeutet, eine gute Beziehung zu haben: zu anderen Menschen, zu sich und zu Gott. Frieden gelingt da, wo menschliches Leben und Zusammenleben sich in jeglicher Hinsicht so gestalten, dass es den Menschen gut geht. Das meint auch das hebräische Wort für „Frieden“, schalom. Es bedeutet Frieden im Sinne von „heil sein“ oder „ganz sein“.

Schalom fängt bei meinem eigenen Seelenfrieden an, geht weiter bei den Beziehungen zu den Menschen in meinem nächsten Umfeld und wirkt in das gesellschaftliche Miteinander und schließlich in das gelingende Zusammenleben aller Menschen hinein. Letztlich schließt sich so der Kreis: Das Wohlergehen der anderen wirkt sich wiederum positiv darauf aus, wie es mir selbst geht.

Pandemie, Klimawandel, wirtschaftliche und soziale Ungerechtigkeit, unzählige Menschen auf der Flucht – diese Zeiten sind recht krisengebeutelt. Wollen wir als Menschheit gut durch diese Herausforderungen kommen, ist eine „Umkehr zum Frieden“ vonnöten, ein aktives Bemühen um das Wohlergehen aller Menschen. Die gute Nachricht ist, Frieden ist möglich, denn wir dürfen auf göttliche Unterstützung vertrauen: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch“ (Johannesevangelium 14,27). In diesem Sinne: Schalom!

Alexandra Holzbauer
Pastoralreferentin und Hochschulseelsorgerin, Nürtingen