„Sieben zuversichtlichen Wochen ohne Pessimismus“

©Elwert

Es ist mein letzter Abend nach drei Monaten, die ich in Berlin verbracht habe. Aus dem kühlen U-Bahnschacht trägt mich die Rolltreppe in einen warmen, lebhaften Sommerabend. Ich gehe die Prinzenallee entlang: Zwischen den Bäumen parkende Autos und Dreck, vier Spuren Verkehr, Späti, Wettbüro, Shishabar, Bäcker und Döner. Ich schau beim Gehen zu den Schaufenstern und Eingangstüren und sehe genau hin – ein letztes Mal. Ich nehme alles sehr bewusst war. Man geht anders durch die bekannten Straßen, wenn die Abreise bevorsteht, fast, als hätte sich schon etwas verändert. Alles Alltägliche hat plötzlich einen eigentümlichen Reiz, denn der Alltag wird anders. Die Veränderung ist zum Greifen nah und mit der Offenheit kommen Wellen gemischter Gefühle. Die Wochen und Tage vor der Abreise habe ich immer besonders intensiv erlebt…
In der Passions- und Fastenzeit, die diese Woche beginnt, ist ein alter Weg der Vorbereitung auf den Abschied vorgezeichnet, die Erinnerung an die letzte Zeit Jesu, vor seinem leidvollen Abschied. Dabei haben sich verschiedene Bräuche entwickelt, diese Wochen als besondere und intensive Zeit zu begehen.
Die diesjährige Fastenaktion der evangelischen Kirche trägt den Titel: „Zuversicht! Sieben Wochen ohne Pessimismus.“ (www.7wochenohne.de) Es ist ein anderer Ansatz des Fastens mit einer starken gesellschaftlichen Zielrichtung. Es ist eine Einladung zum Fasten im Kopf, eine innerliche ‚Aufbruchshaltung‘ einzunehmen. Wie? Indem ich bei mir beginne. Indem ich sieben Wochen lang die Routinen meines Alltags zu hinterfrage und so versuche, eine neue Perspektive einzunehmen. „Zuversicht! Sieben Wochen ohne Pessimismus.“ Klar, das kann ich leicht gutheißen und abhaken. Aber was geschieht, wenn ich dieses Motto sieben Wochen lang immer wieder mit meinem Leben ins Gespräch bringe? Zuversicht statt Pessimismus… Nicht als hohle Phrase, sondern konkret in meinem Alltag. Wo bin ich selbst zuversichtlich und wo nicht? Wo ist mein erster Gedanke: „das wird doch nichts“ oder „was bringt das schon“? Was müsste passieren, damit sich dieser Gedanke verändert? Woraus schöpfe ich meine Hoffnung und Zuversicht?
Der Aufruf zu „Sieben zuversichtlichen Wochen ohne Pessimismus“ will nicht weltfremd die Augen vor den vielen Problemen unserer Welt verschließen oder sie kleinreden. Er will ihnen etwas Gutes entgegensetzen indem wir die Perspektive wechseln und weiter blicken. In der Passionszeit weiter blicken heißt auch über die Zeit des Abschieds hinausblicken: hin zum Neuanfang, hin auf Ostern.

Pfarrer Paul-Bernhard Elwert