Vom Leben und gelebt werden

©Brändle

Kann es sein, dass wir zu oft meinen wir müssten?
Nein, nicht was Sie jetzt denken! Dringende körperliche Bedürfnisse müssen natürlich erledigt werden.
Und auch in manchen anderen Bereichen müssen wir.
Aktuell müssen wir uns an die geltenden Vorgaben zur Eindämmung des Corona-Virus halten, um uns selbst und andere nicht zu gefährden. Ja, das müssen wir. Und wir werden uns daran auch bei der Feier des Gottesdienstes zum Männersonntag morgen um 9.30 Uhr in der Oberboihinger Bartholomäus- Kirche halten.
Und es geht weiter:
Kinder und Jugendliche müssen zur Schule. Viele Erwachsene müssen arbeiten gehen, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen.
Ich persönlich muss meine Zeit so einteilen, dass ich mit den Aufgaben, die sich mir stellen, klarkomme. Es wäre es z.B. ziemlich fatal, wenn ich zu einer Hochzeit, die ich zu halten habe, eine Stunde zu spät käme.
Ja, manches muss man.
Aber vieles eben auch nicht.
Müssen wir zum Beispiel zum Geburtstag?
Oder müssen wir jeden Samstag das Auto waschen, den Garten herrichten, shoppen gehen, Croissants holen…
All das, und ich könnte die Liste beliebig fortsetzen, sind keine schlechten, sondern zum Teil sogar ehrenwerte oder schöne Dinge. Aber wir müssen sie nicht.
Es lohnt sich, immer wieder einmal in kritische Distanz zu den eigenen Gewohnheiten zu gehen und zu überlegen, was wir eigentlich wirklich tun müssen und was wir ganz frei entscheiden können.
Denn wer zu viel muss, lebt nicht, sondern wird gelebt.
„Wir sind selbst verantwortlich für die Prioritäten, die wir setzen“ sagt der Medizinprofessor Dietrich Grönemeyer. Und er hat Recht.
Trotz mancher Zwänge, in denen wir drinstecken, hat unser Schöpfer uns mit der Fähigkeit beschenkt, Entscheidungen zu treffen. Das unterscheidet uns von unseren tierischen Mitgeschöpfen. Die müssen.
Wir können, wollen und dürfen.
Apropos dürfen.
Manchmal hilft auch ein Perspektivwechsel.
Wer nicht immer nur sagt: „Ich muss aufstehen, arbeiten, essen, Sport machen, Kinder abholen,…“ sondern manchmal auch: „ich darf das alles“, der lebt anders und kann sein Tagwerk dann vielleicht sogar immer wieder einmal mit einem kleinen, aber wesentlichen Wort abschließen:
Danke!
Er lohnt sich, der Weg vom Müssen zum Dürfen.

Pfarrer Peter Brändle, Wendlingen am Neckar, Männerpfarrer im evangelischen Kirchenbezirk Nürtingen

Hinweis: Morgen, Sonntag, 18. Oktober 2020, 9.30 Uhr : Gottesdienst zum Männersonntag in der Bartholomäus-Kirche in Oberboihingen. Motto: „Im Schweiße deines Angesichts“