Wie die Kinder

©Kook

An sich ist Home Office im Pfarramt ja nichts Ungewöhnliches. Aber konzentriert  Arbeiten und nebenbei ein unbetreutes Kindergartenkind beschäftigen, gehört nicht zu meinen hervorragenden Fähigkeiten. Also gehen wir spazieren. Begeistert klettert meine kleine Tochter auf den ersten Holzstapel, der an unserem Weg liegt. Sie entdeckt Muster unter der Rinde. Ich mahne zum Weitergehen. Sie beschäftigt sich mit einem Käfer. Ich stehe und schaue in die Gegend. So kommen wir nie an, denke ich. Mir fällt ein, dass wir auch gar kein Ziel haben, es ist ja Corona-Zeit. Trotzdem wäre es schön, wenn wir auch ein Stück vorankämen. Meine Tochter entdeckt eine Bank, stürmt darauf zu und setzt sich hin. An sich sind Bänke genau dafür gedacht, aber wir sind noch keine 100 Meter weit gekommen. Ich stelle mich dazu und hänge meinen Gedanken nach. Das ist Entschleunigung. Mir fällt ein altes Gedicht ein: „Die Rose ist ohne Warum. Sie blühet, weil sie blühet. Sie achtet nicht ihrer selbst, fragt nicht, ob man sie siehet“. „Ohne Warum“ – ein alter Gedanke der christlichen Mystik. Kinder beherrschen dieses „Ohne Warum“. Sie freuen sich ihres Lebens, einfach weil sie da sind. Sie klettern auf Holzstapel und bewundern Käfer, weil es sich gerade anbietet. Ohne nach Sinn und Zweck zu fragen. Ohne Warum. Wie das Blühen der Rose. Was für ein heilsamer Gedanke in unserer Zeit, in der alles effizient und lohnend sein muss. Und in der gerade alles durcheinander geraten ist.

„Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder…“ sagt Jesus, „werdet ihr nicht ins Reich Gottes kommen“. Von den Kindern lernen: Sie kennen das Geheimnis des Lebens. Sie tragen den Schlüssel für das Reich Gottes in sich.

Ich frage mich: Wann haben wir diese Fähigkeit verloren, die wir alle als Kinder noch besessen haben: diese Selbstvergessenheit, dieses – ohne warum – im Augenblick leben? Ganz eins sein mit den eigenen Bedürfnissen? Ganz und gar zugewandt? Dabei sind das die Voraussetzung der Menschlichkeit, die Grundlagen der Liebe. Darum geht es Jesus.

In der Corona-Zeit spielt sich so manches Drama ab. Aber für den einen oder die andere ist es eine zwangs-geschenkte Zeit der Entschleunigung. Und falls Sie Kinder zu Hause haben: nutzen Sie die Zeit und lernen Sie von ihren Kindern. Und kommen Sie dem Leben und der Liebe und damit dem Reich Gottes ein kleines Stückchen näher.

Pfarrerin Claudia Kook, Nürtingen Stephanuskirche (Roßdorf)


Pfarrerin Claudia Kook
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