Palmsonntag

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Dass wir den Palmsonntag nicht „begehen“ können, trifft uns hier in Oberensingen und alle Katholiken besonders hart. Dieses Fest, mit dem die Karwoche beginnt, wird bei unseren katholischen Geschwistern besonders eindrücklich mit selbstgebastelten Palmbuschen und einer großen Prozession in die Kirche wortwörtlich begangen. Wir pflegen dies hier vor Ort ökumenisch zu feiern, aber dieses Jahr wird uns einfach nur die im Wind flatternde Osterkrone vor der Kirche an das Ereignis vor 2000 Jahren erinnern.

Keine sonntäglichen Gottesdienste zu haben ist das eine, aber das höchste Fest Ostern und die „Große Woche“ davor ohne die seit Jahrhunderten ausgeprägten Liturgien, ohne Schwestern und Brüder an der Seite zu feiern, das ist für einen gläubigen Christen fast undenkbar.

Der Palmsonntag erinnert uns an die menschliche Widersprüchlichkeit: die Einwohner Jerusalems begrüßten Jesus mit lautem Jubel, als er und seine Jünger zum Passahfest in die Stadt kamen, doch nur wenige Tage später wandten sie sich gegen ihn und befürworteten seinen Tod.

Unsere Stimmungen wechseln manchmal sehr schnell. Unsere Handlungen entsprechen oft nicht unserer Gesinnung. Die Mehrheit der Deutschen z. B. befürwortet bessere Bedingungen bei der Tierhaltung, Artenschutz und hochwertige Lebensmittel, aber tatsächlich ändert sich beim Einkaufs- oder Freizeitverhalten wenig. Es ist ein hoffnungsvolles Zeichen, dass dieses Auseinanderklaffen von Kopf und Bauch in der jetzigen Krise nicht geschieht. Dass das Kontaktverbot von einer großen Mehrheit eingehalten wird, weil sie dahinterstehen.

Die Pandemie bringt viele von uns zum Stillstand – und zum Nachdenken. Sich zu besinnen und in die Tiefe zu gehen, kann große Kräfte freisetzen. Gesellschaftlicher und geistlicher Art. Die christliche Tradition birgt viele Schätze, die wir in diesen ungewissen Zeiten heben können. Der bekannte Ruf der Jerusalemer beim Einzug Jesu in Jerusalem, „Hosianna“, heißt übersetzt: „Hilf doch, Gott!“ Diese Bitte liegt gerade jedem Gläubigen dieser Welt auf dem Herzen. Auch wenn es hart auf hart kommt, wie bei Jesus damals in diesen unsäglichen Jerusalemer Tagen, so lehrt uns die Tradition, dass es ein verheißungsvolles „Danach“ gibt. Vertrauen wir darauf!

Sylvia Unzeitig
Pfarrerin in Oberensingen und Hardt